WILLKOMMEN BEI MEINEM ROMANTICK PODCAST!

Ab heute, 27. September 2022, 11:00 schlage ich ein neues Kapitel auf: meinen ROMANTICK PODCAST. Jeden Dienstag Vormittag ein neuer Essay geschrieben und gesprochen von mir. Schön, dass du da bist. Viel Vergnügen!

PODCAST WINTERSCHLAF - weiter gehts am 10. Jänner 2023!

Ich hoffe, es geht euch allen gut und meine ersten 10 Beiträge haben euch gefallen.

Aus diversen Gründen gehts morgen, 5.12.22 nicht weiter...aber ab 10.1. melde ich mich verlässlich wieder zurück mit wöchentlichen Dienstagsgeschichten zum Thema "ROMANTICK - Gefühle, Gedanken, Geschichten".

Es gibt noch genug zu erzählen...

Liebe Grüße & Dank,

Axel

Ausgabe 10, 30.11.22: MEETING WITH A STRANGER (Teil 4): „Die Nacht am Flughafen in Washington"“

MEETING WITH A STRANGER - BEGEGNUNGEN DER BESONDEREN ART (Teil 4): „Die Nacht am Flughafen in Washington“.

Nun ist es also erstmals passiert: ich konnte den Dienstag Jour Fixe für meinen Podcast diese Woche aufgrund einer dringlichen Filmmusik-Abgabe nicht einhalten. Da ich für meinen Podcast keine Geschichten vorproduziere, sondern mir tatsächlich jeden Dienstag Vormittag die Zeit zum Schreiben und Vorlesen bzw. Einsprechen nehme - siehe auch meine Geschichte „Disziplin ist die Kunst, sich die Freiheit zu nehmen“ vom 18. Oktober - komme ich diese Woche erst heute dazu. Ich hoffe, es nimmt mir niemand übel und ihr seid weiterhin dabei, wenn ich irgendwas aus meinem Leben zum Thema „ROMANTICK - Gefühle, Gedanken, Geschichten“ zuerst in meinen Studio Apple tippe und dann vorlese.

Irgendwie beschäftigt mich derzeit immer noch das Thema bzw. die Rubrik „Meeting with a stranger“. Da gabs doch noch mehr in meinem Leben als die paar bisher geteilten Geschichten, sei es mit Tier oder Mensch gewesen, fällt mir gerade retrospektiv auf. Und ich finde, genau in Zeiten wie diesen, wo Unsicherheit und Ungewissheit permanent zum Thema gemacht wird in allen Medien, tut es gut, wenn man sich an derartige Treffen und Momente der schrägen, ja oft magischen Zusammenkunft mit Unbekannten erinnert.

Während meiner Zeit in Los Angeles lernte ich, dass es oft sehr gut tut, wenn man bewusst eine falsche Abzweigung, ja einen unbekannten Weg einschlägt, einen bewussten Perspektivenwechsel sozusagen. Damals praktizierte ich dies gerne mit dem Auto - gerade in LA, wo man täglich stundenlang im Auto sitzen muss, wenn man auch nur irgendwas machen möchte. Ich hatte damals nie ein Navi bei mir - es war noch die Zeit vor Smartphones und Navi immer und überall - und musste mich so oftmals rein auf meine Sinne und Erinnerung verlassen. Gerade an Tagen, wo ich mir bewusst eine Auszeit vom Schreiben, Aufnehmen, Livespielen oder dem Stress vor Ort nahm, setzte ich mich ins Auto und fuhr frei drauf los. „Jetzt rechts, jetzt links“ sagte ich am Steuer meines PT Cruisers zu mir und fuhr dann oft so lange, bis ich mich wieder irgendwie orientieren konnte. Und im weitläufigen Los Angeles und Kalifornien kann dies auch mal einige Stunden dauern. Das Schräge und Schöne daran ist, dass ich mich bis heute an wohl jede dieser Irrfahrten ins Unbekannte erinnern kann. Heutzutage fahre ich - sofern es nicht November, Dezember, Jänner oder Februar ist - gerne mit dem Motorrad ins Blaue. So hab ich in den letzten Jahren hier in meiner alten, neuen Heimat auch dieses kleine Dreiländereck gut kennengelernt - auch ein schöner Fleck Erde, wow, aber dies wird vielleicht mal eine andere Dienstagsgeschichte.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ schrieb schon der von mir so geschätzte Hermann Hesse 1941 in seinem wunderschönen Gedicht „Stufen“. Ja, damit hat dies wohl alles etwas zu tun. All meine bewussten Irrfahrten, meine bewusst gewählten neuen Perspektiven und Handlungen schlagen zeitlebens in diese Kerbe. „Sei mutig und gehe neue, unbekannte Wege“, sagte ich schon oft zu mir in meinen fast 44 Lebensjahren. Und stets: „Folge deinem Herzen, mache wofür du innerlich brennst!“. Am Ende „kommt doch alles so, wie es war“ singe ich in meinem Romantick-Song „Wie es war“. Ja, aber die Erlebnisse durch diesen Mut zum Kopfsprung ins Unbekannte, machen dieses eine Leben auch so lebenswert.

Nun zur heute erinnerten Geschichte zum Thema „Meeting with a stranger“. 2007 folgte ich einem inneren Ruf und begab mich samt neuem Album „Wedding Songs“ zum zweiten Mal und erstmals ganz alleine nach Los Angeles. Ja, genährt und motiviert vom Traum, es dort, in der sogenannten großen, weiten Welt, mit meiner Musik zu versuchen. Die Songs selbst hatte ich in meinem Wiener United Indies Studio, im Souterrain des Haarsalons „folgeeins“ meiner Lebenspartnerin Athena, fertig aufgenommen und gemischt. Ich wollte neue Songs schreiben, mein quasi fertiges, noch ungemastertes Album promoten (es lief dann auf rund 90 Radiostationen an der Westküste!) und wenn möglich, auch mal live spielen in der Stadt der verlorenen Engel, wie man sie vor Ort gerne und zutreffend nennt.

Ich wählte eine Flugroute von Wien, meiner damaligen Homebase, via Washington nach Los Angeles. Am Flughafen in Wien hatte ich kurz vorm Boarding noch eine, für mich legendär heftige Panikattacke. Ja, ich konnte vor Angst kaum den Flieger betreten - es gab jedoch keinen Weg mehr zurück. Da musste ich jetzt durch.

In Washington, müde vom Flug angekommen, musste ich sogleich zum sogenannten „Immigration Procedure“, sprich zur mühsamen Einreisescheiße. Dort warteten in einem ca. zwei Meter niedrigen (ich bin 1,90m groß) , riesigen Saal bereits hunderte, wenn nicht tausende Einreisewillige auf deren Einreisebewilligung. Ein purer Wahnsinn - die Paranoia durch 911 war da gerade immer noch am gefühlten Höhepunkt. Ich hatte ein Touristenvisum und kam nach ca. drei elendslangen Stunden endlich zum Schalter bei einem Afroamerikaner mit Stiernacken und dunkelst eingefrorenem Blick. Wie ein Roboter auf Sparflamme fragte er mich seine Standardfragen ab. Und dann noch der nötige Fingerabdruck-Scan. Einhergehend mit der unsicheren Frage „This one or this one?“ zeigte ich ihm unbewusst und völlig unabsichtlich nach meinem Zeigefinger den Stinkefinger. Er lachte de facto nicht und winkte mich durch, so wie man eben ein Masthuhn kurz vor der Schlachtung abarbeitet und zum Grande Finale durchwinkt.

Schon während der stundenlangen Ansteherei wurde mir bewusst, dass ich meinen American Airlines Anschlussflug nach LAX nicht erreichen werden kann. Wieder Panik in mir, aber irgendwie erfolgreich ignoriert und still und heimlich während diverser small talks mit unbekannten AnsteherInnen aus der ganzen Welt halberfolgreich weggeatmet. Meinem Gepäck erging es währenddessen viel besser und so war es schon am Flug nach LA als ich erfahren musste, dass ich erst um sechs Uhr früh des Folgetages weiterfliegen könnte.

So stand ich nun da, am Flughafen in Washington um kurz nach elf, abends, ja nachts, völlig erledigt und hungrig. Der Flughafen leerte sich rasant und mir wurde schnell klar, dass ich noch was Essbares auftreiben musste - eine ganze Nacht alleine am völlig fremden Flughafen unter ausschließlich Fremden ohne Nahrung - no way. In der Mitte des endlos wirkenden Terminals sah ich ein „Mexican Grill“ Flughafenrestaurant, welches offenbar, trotz halbgeschlossenem Rollladen, noch Speisen ausgab. Ich eilte mit meinem Trolley im Schlepptau so schnell ich konnte hin und schlüpfte halbsportlich grazil hinein zur Theke. Dort stand ein ca. 1,60m kleiner, vom Arbeitstag gezeichneter Mexican American und wartete offensichtlich nicht auf mich, den 1,90m großen Europäer mit Tweed-Sakko, riesiger weißer Plastikbrille und Kipferlpornobart. „Can I get something to eat?“, stammelte ich gestresst in seine Richtung. „Sure“, erwiderte er, mit leerem Blick. Ich bestellte so schnell ich konnte irgendeinen Grilled Chicken Salad, das quasi Erste, was mir in der endlosen Mahlzeitenangebotsliste am Display ins Auge stach. Drei Minuten später lag mein Grillhähnchensalat in der Plastikbox auf der Theke. Ich nahm ihn und wollte sogleich flüchten und den armen Hund von mir erlösen. Da fiel mir plötzlich auf, dass ich noch ein Besteck zum Verzehr des mit Sicherheit liebevollst zubereiteten Salates brauchte. So schlüpfte ich nochmals kurz zurück unter dem Rolladen mit den Worten: „Excuse me, Sir, all I need to eat my meal is a scarf and a knife!“ Er starrte mich wie versteinert an und sagte nichts. Ich wiederholte meinen Satz mit Nachdruck: „Excuse me, Sir, all I need to eat my meal is a scarf and a knife!“ Er starrte weiter und zeigte plötzlich mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand zu einer Plastikbesteckwanne auf der Theke. Ich nahm dankend das schwarze Plastikbesteck und begab mich auf eine der unzähligen, leeren Sitzmöglichkeiten des Terminals.

Als ich den Salat öffnete und zu essen begann, dachte ich weiter über die skurrile Situation beim Mexikaner nach. Irgendwas fühlte sich zusätzlich zur ohnedies schon heftigen Situation seltsam an. Und dann wurde mir schnell klar: Ich hatte zu dem kleinwüchsigen Restaurantmann tatsächlich mit Nachdruck gesagt, dass ich „a scarf and a knife“ zum Verzehr meines Salates brauche, also einen Schal und ein Messer. Dass Gabel „fork“ und nicht „scarf“ heißt, hatte ich ich wohl zum Zeitpunkt des hektischen Geschehens vergessen. Alter Schwede, wie peinlich. Der seltsame Künstlertyp will nen Schal und ein Messer für nen Salat. Legendär. Heute, in der Retrospektive, find ichs amüsant. Sehr sogar.

Nach ca. einer Stunde gesellte sich ein junger Mann aus Wien-Umgebung (woher genau, weiß ich nicht mehr) zu mir. Wir hatten in der Schlange vor der Einreiseabfertigung kurz ein Hallo-Wer bist du?-Gespräch, verloren uns aber dann im Chaos wieder aus den Augen. Wir erzählten uns stundenlang Vieles, redeten über Dies und Das und gaben uns unbekannterweise die erwünschte Rückendeckung bei der Übernachtung am Flughafen. Wir taten irgendwann mal beide so, als wären wir Herren über die Situation und stellten uns schlafend. Ich machte de facto die ganze Nacht kein Auge zu. Der Hühnersalat beschäftigte auffällig und hörbar mein Gedärm und die Angst lag mir im Nacken. Schon sehr viel Unbekanntes auf einen Schlag…

Auch seinen Namen hab ich nie erfahren. Um ca. fünf Uhr in der Früh, also eigentlich nur ein paar Stunden später, taten wir beide so, als wären wir gerade aus einem tiefen Schlaf in Mamas Schoß erwacht, wünschten uns beiden eine angenehme Weiterreise und verabschiedeten uns wie alte, gute Freunde.

Irgendwie kam ich an diesem Tag sogar noch nach Los Angeles. Blieb dort für drei Monate und schrieb die Songs für mein Album „The Weekend Starts On Wednesday“. Der Rest ist eine andere Geschichte. Oder auch noch mehrere. Und wie immer bleibt eines übrig: Es gilt die Zeit zu nützen, denn sie ist rar. Bis bald, euer Axel

Ausgabe 9, 22.11.22: Ameisen und Schnecken.

Ausgabe 8, 15.11.22: MEETING WITH A STRANGER (Teil 3): „Mit Bob Dylan im Buddhistischen Kloster“

MEETING WITH A STRANGER - DREI BEGEGNUNGEN DER BESONDEREN ART (Teil 3): „Mit Bob Dylan im Buddhistischen Kloster“.

Seit meinem achtzehnten Lebensjahr beschäftige ich mit mit der Lebensphilosophie und Geschichte von Siddharta Gautama, ja dem sogenannten Buddha. Damals, kurz nach dem Ende meines Tennisweges, mitten in meiner Pubertät, las ich zum ersten Mal „Siddharta“ von dem von mir so sehr geschätzten Hermann Hesse. Diese, von Hesse nacherzählte Geschichte vom wohl behüteten Prinzen, der hinaus zog in die Welt, auf der Suche nach seinem inneren Frieden und dabei alles auch Unerdenkliche über sich ergehen ließ, um schließlich seine Erleuchtung zu erfahren, hatte es mir schon damals sofort sehr angetan. Ich habe grundsätzlich ein Faible für spannende Lebensgeschichten und Biografien, muss ich mittlerweile eingestehen. Diese jene Lebensgeschichte berührt mich seither vielleicht auch deshalb so, weil ich selbst wohl behütet und beinahe wie ein kleiner Prinz aufwachsen durfte. Der ganze menschliche Gräuel, der natürlich auch schon in meinem Kindesalter auf diesem Planeten passierte, wurde konsequent von meinen Eltern von mir abgehalten, ja abgeschirmt. Ja, es wurde auch kaum vor mir gestritten oder derlei Unstimmigkeiten ausgelebt. Ich sollte es ganz besonders friedlich und liebevoll haben und dies musste ich über die Jahre erst verstehen lernen. Heute, bin ich meinen Eltern dafür dankbar und versuche tagtäglich, auch meinen drei Söhnen eine schöne, friedliche und liebevolle Kindheit zu ermöglichen.

In der Pubertät wurde damals schlagartig, eigentlich genau mit dem Ende meines Weges zum Tennisprofi und dem Lagerwechsel zur Musik, alles anders. Plötzlich war ich sehr einsam und alleine und konnte überhaupt nicht damit umgehen. Mein Vater war in seinem Job und meine Mutter in ihrer eigenen kleinen Welt zuhause gefangen. Wir hatten uns alle aus den Augen verloren und schliefen nur mehr unter einem Dach. Meine Schwester war ohnedies schon jahrelang ausgezogen und weg. Und so kamen damals auch Drogen ins Spiel - zum Glück zwar keine harten Drogen, aber immerhin regelmäßiger Alkohol- und Marihuana-Konsum. Binnen weniger Tage statt 30 Stunden Tennis und Training pro Woche und stets irgendwo auf Turnieren, plötzlich nur mehr ich, eine Gitarre, ein Klavier, gute Bücher und die Schule. Aus heutiger Sicht eine wirklich dunkle, aber auch prägende Zeit. Ein Crashkurs und Speed-Workshop zum Thema „das Leben hat auch dunkle Seiten“. Dies klingt jetzt, aus heutiger Sicht, natürlich fürchterlich banal, ich weiß, aber damals war es eben so: vom wohl behüteten Prinzen zum haltlosen Pubertierenden ohne Plan und Zukunft.

Egal, meine Pubertätskrisenzeit interessiert wohl eher niemanden da draußen - ich fühle mich als Vater von zwei pubertierenden Söhnen derzeit nur viel öfter als erträglich an diese Zeit damals zurück erinnert. Leider gelingt es mir überhaupt nicht, der Vater für meine Söhne in dieser so schwierigen Zeit zu sein, der ich so gerne sein möchte.  Ich nehme mir ihre Worte und Emotionsausbrüche immer wieder sehr zu Herzen und zerbreche dann meistens selbst daran, anstatt ihnen eine starke Schulter zu leihen und innige Umarmung zu geben. Ich habe meistens das Gefühl, ich muss noch mehr als sie unter den Umständen leiden, damit sie weniger zu leiden haben. Oder anders gesagt: ich muss noch lauter schreien, damit sie ihr meist tränenreiches Geschrei beenden. Was für ein Irrglaube… Mein größtes Problem ist heute als Dreiundvierzigjähriger und dreifacher Familienvater, dass ich als Kind keine Konfliktbewältigung lernen konnte oder musste. Ich verliere immer sofort die innere Fassung und fühle mich, als würde die Welt wahrlich zusammenbrechen. Ja, mir fehlt nach wie vor der Halt und Boden unter den Füßen, wenn es Konflikte zu lösen gibt. Meistens ziehe ich mich nach dem Eklat in mich zurück und brauche wieder einige Tage, bis ich wieder ansatzweise so funktioniere, wie es der fordernde Alltag von mir verlangt.

Nun gut, weiter in der Geschichte von heute. „Siddharta“ von Hesse war also meine Buddhistische Grundsteinlegung und eine der ersten selbständigen Taten, als ich als Volljähriger nach der Matura nach Wien zog, war es, aus der katholischen Kirche auszutreten. Die Belehrung von einem Wiener Pfarrer in meiner damaligen, ersten eigenen Wohnung, werde ich wohl nie vergessen können, so dermaßen absurd verlief diese, bekräftigte aber voll und ganz meine Entscheidung. Ich wollte meinem Interesse für den Buddhismus weiter folgen - mich interessierte dabei aber kaum die Religion dazu, sondern die Philosophie dahinter, ja die Geschichte des Buddhas und deren Anwendbarkeit im eigenen Leben. Ich vollzog demnach ein Selbststudium, wie in so vielen Bereichen in meinem Leben bisher. Ja, ich bin de facto lieber ein intensiver Autodidakt als ein Streber, der sich von irgendwem vorgekautes Wissen reinzieht. Deshalb studierte ich damals auch nicht lange Politik, Theater und Publizistik, sondern ging meinen eigenen Weg ins Unbestimmte weiter.

Und bevor ich euch und mich jetzt noch länger mit pubertären Einblicken malträtiere, mache ich jetzt einen großen Sprung auf der Zeitachse meines Lebens nach vorne und zwar bis ins Jahr 2014. Nach jahrelangen Gesprächen mit den unterschiedlichsten spirituellen Lehrern, beschloss ich damals, als frischer Heimkehrer aufs Land, erstmals ein paar Tage in einem Buddhistischen Kloster zu verbringen. Ein Freund aus Vorarlberg erzählte mir zu Wiener Zeiten einmal von einem Tibetischen Buddhismus Kloster in Frastanz bei Feldkirch in Vorarlberg. Und dort zog es mich eben dann hin. Ich schaufelte mir den familiären Rücken für ein paar Tage irgendwie frei, schnappte meinen Mut und setzte mich in meinen Landrover Defender in Richtung Vorarlberg. Finanziell ging es mir damals ziemlich gut, hatte ich doch einige schöne Musik-Ausschreibungen beim ORF gerade gewonnen und auch das Produzieren und alles rundherum lief ganz gut. Innerlich fühlte ich mich abermals ausgelaugt und leer. Diese Leere immer wieder mit ein paar Bieren zu füllen erschien mir schon damals als der nicht richtige Weg.

Dort angekommen, nach einer wunderbar entspannten Anreise mit meinem Landy (den ich heutzutage echt vermisse…) wurde mir schnell klar, dass dies jetzt eine komplett neue Erfahrung werden würde. Ja, ich hatte Angst und wollte eigentlich sofort wieder umkehren und nach Hause zu meiner Familie fahren. Die Panikattacke am Parkplatz, noch im schwarzen Pickup sitzend, ist für mich negativ legendär - fast schon so gut, wie vor meiner ersten Reise nach Los Angeles, alleine damals am Gate vorm Abflug am Wiener Flughafen. Ja, auch solche fürchterlichen Momente vergisst man nicht. Oder mein Hirn zumindest.

Dennoch stieg ich aus, nahm meine Tasche und ging zu Mönch Helmut, mit ihm hatte ich zuvor geemailt und mir ein Zimmer im Kloster bestellt. Helmut war und ist ein Hiesiger, ja Österreicher. Ein Tibetischer Buddhist mit österreichischem Gesicht. Ruhig, souverän, liebevoll, distanziert. Und damals geschätze 60 Jahre alt. Seine Wortwahl karg, aber klar und direkt. Ein paar Sätze später fand ich mich in meinem Zimmer wieder. Holzboden, ein großes Fenster zum Garten, ein Holzbett, ein Holzkasten, ein kleiner Holzschreibtisch, ein selbstgeflochtener Vorleger, ein kleiner Holztisch, ein einfacher Holzsessel und ich - quasi ein Holzkopf mit seiner kleinen Tasche. So stand ich da. Ohne Handy, ohne MacBook, ohne Fernseher ohne nix. Einfach nur ich, auf 15 Quadratmetern Stille. Ich setzte mich aufs einfache, aber grandiose Bett - überzog die Decke und den Polster mit frisch gewaschenem und herrlich riechendem Bettzeug und begann sogleich in mein Notizbuch zu schreiben. Es sprudelte aus mir heraus wie schon lange nicht mehr. Viel mit mir selbst Ungeteiltes, aber Gefühltes hatte sich aufgestaut und ich dachte, wann wenn nicht jetzt und hier mal wieder meinem Inneren freien Lauf lassen.

Am Weg zu meinem Zimmer neben der Waschküche und dem, mit den Tibetische Mönchen geteilten Badezimmer, beobachtete ich einen etwas dickeren, kleinen Tibeter in seiner weinroten Kutte mit orangenem Umhang dabei, wie er auf einem steinernen Weg auf Zehenspitzen in seinen einfachen Ledersandalen versuchte, dort krabbelnde Ameisen nicht zu zertreten. Erst beim ersten gemeinsamen Abendmahl erkannte ich, dass dieser kleine Mönch unser Koch war. Als ich den Speiseraum nach mehrstündigem Schreiben erstmals betrat, ging dieser geradewegs auf mich zu und sagte statt hallo: „Punch my belly as hard as you can“. Ich verweigerte als Mimose und Pazifist natürlich sofort und antwortete leicht verlegen grinsend mit einem schlichten „No.“. Er wiederholte sich und bestand aber darauf. So gab ich ihm einen zuerst zaghaften, ihn zum Lachen bringenden Fauststoß in die Magengrube. Er ließ nicht locker und verlangte von mir, noch stärker zuzuschlagen. Ich boxte ihm nochmals gegen die Bauchdecke und staunte, wie hart er diese anspannen konnte - er lachte wieder schallend laut auf Tibetisch, begleitet von den Worten „You see, my b elly is as hard as wood.“ und ging zurück in die Küche, um für die versammelte, bei Tisch sitzende Schar an Mönchen und Gästen seine frisch gekochten Mahlzeiten zu holen. „Die Habens echt a bissl mim Holz hier…“, dachte ich und begann nach dem von den Mönchen vorgetragenen Tischgesang, die liebevoll zubereitete Suppe zu essen. Danach gabs ein Stück Bergkäse und Bauernbrot. Herrlich.

Aus dieser Zeit im Kloster könnte und denke, werde ich noch mehr erzählen in den kommenden Wochen. Heute möchte ich noch ein, dort statt gefundenes Treffen mit einem Fremden heraus zeichnen. Dort waren es ja eigentlich ausschließlich schöne und auch schräge Begegnungen mit mir bisher Unbekannten - aber eine davon war ganz speziell:

Zu dieser Zeit damals horchte ich gerne die Musik von Bob Dylan. Diese hatte ich zu Los Angeles Zeiten auf den unzähligen, stundenlangen Fahrten auf irgendwelchen Freeways entdeckt und bin auch bis heute dabei geblieben. Nicht alles, aber einige Alben und Songs gehen mir immer sofort und direkt unter die Haut. Ja, die Vibes des Bob Dylan haben es mir angetan. Auch am Weg nach Frastanz ins Kloster hörte ich im Landrover das Robert Zimmerman Album „New Morning“. Nach dem ersten Frühstück im Tibeterkloster ging ich raus in den wunderschönen Garten, setzte mich mit meinem Notizbuch in die Sonne, meditierte und trank schlückchenweise Tee. Plötzlich setzte sich, wie immer aus dem Nichts, ein ca. 65 jähriger Mann zu mir und begann sogleich mit mir zu reden. Ja, er fragte mich mit Deutschem Akzent, warum ich denn hier sei, ich sähe ja nicht aus, als würde es mir schlecht gehen oder ich gar krank sein. Bei ihm sei es das Selbe und er sei auch pur aus Neugierde hier. „Ja, das sind wir wohl alle“, dachte, aber sagte ich nicht. Ich war in unserem zirka einstündigem Kennenlerngespräch so perplex und fast wie erstarrt deshalb, weil dieser kleine Deutsche exakt wie Bob Dylan aussah. Also nicht wie ein Möchtegern-Lookalike, sondern von Natur aus eins zu eins. Nur mit dem Unterschied, dass er Deutsch sprach und noch nie einen Song geschrieben hatte. Nein, ganz anders: Er war zeitlebens Betreuer in einer Einrichtung für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche, frisch pensioniert und ebenfalls erstmals in einem Buddhistischen Kloster. Sein ganzes Leben lang, wollte er schon mal diese Erfahrung machen und Zeit mit Menschen verbringen, die ihr Leben dieser so wertvollen Lebensphilosophie verschreiben und widmen. Im Unterschied zu den bisher in den letzten zwei Wochen nacherzählten „Meetings with a stranger“, konnte ich in diesem Fall sogar seinen Namen erfahren. Er hieß Klaus und war ebenfalls wie ich ein Familienvater. Er am Beginn seines Lebensabends und ich gefühlt mitten drin im Leben, aber dennoch irgendwie nicht angekommen. Ich hatte alles, ja vieles bereits Gewünschtes und Erträumtes vorzuweisen - Familie, Erfolg, Geld, Freunde, Gesundheit und schon vieles erlebt. Dies stellte ich auch Klaus so vor und er staunte ob meinem Alter, damals 35, was ich schon alles erreicht hatte.

Und dennoch fühlte ich mich leer, stets auf der Suche nach Fülle und Erfüllung. Und genau in dieser Leere und Einfachheit, dort im Kloster fand ich etwas, was mir immer wieder fehlte. Ich lauschte den Mönchen bei ihren Gebeten und Gesängen, ich suchte meine eigene innere Stille auf. Ich meditierte täglich Stunden und liebte den Zustand, wach, aber innerlich still sein zu können, ohne Lärm von innen wie von außen. Die stundenlangen Gespräche mit Klaus werden mir wohl auch für immer in Erinnerung bleiben. Wir blieben sogar noch eine Weile als Brieffreunde im Kontakt, doch irgendwann verlief dieser Austausch im Sand der Ewigkeit. Ich befürchte, Klaus ist irgendwann mal gestorben - leider weiß ich dies nicht genau. Und Totgesagte leben bekanntlich länger. Ich wünsche es ihm.

Ich werde diese Tage in der Sommersonne, in den Bergen, im Kloster wohl nie vergessen können. Auch die Art und Weise, wie lange und intensiv man sich mit jemandem, den man gerade erst kennenlernen durfte, unterhalten und austauschen kann, begeisterte mich zutiefst. Es war so unbeschreiblich schön menschlich, dass es mich auch heute in der Erinnerung noch zu Tränen rührt. Wir sind so schöne Wesen - in unserer Essenz sind wir wahrlich von, ich wage es zu sagen, göttlicher, ja magischer Natur. Dies sehe ich auch tagtäglich in so vielen Menschen, allen voran meinen drei Söhnen, egal ob sie nun pubertieren oder sich im nächtlichen Bett zu mir kuschelten. Sie sind in ihrer Essenz, ja in ihrem Sein das wohl schönste Geschenk, das man im Leben erfahren darf. Ja, ich gehe sogar noch weiter und sage abschließend für heute: Das Leben an sich, ist das schönste Geschenk. Wir haben nur verlernt, das Leben und leben dürfen an sich, als größtes Geschenk zu erkennen und zu pflegen. Ich wiederhole mich: Es gilt die Zeit zu nützen, denn sie ist rar. 

Ausgabe 7, 08.11.22: MEETING WITH A STRANGER (Teil 2): „Mit dem Fahrrad in die Freiheit“

MEETING WITH A STRANGER - DREI BEGEGNUNGEN DER BESONDEREN ART (Teil 2): „Mit dem Fahrrad in die Freiheit“.

Seit vielen, vielen Jahren schon sammle ich Kraftorte da und dort. So wie damals in Kalifornien und Wien auch hier in meiner neuen, alten Heimat Aschach an der Donau. Eigentlich unglaublich, dass wir schon seit acht Jahren hier am Land leben, die Zeit verfliegt, aber darum gehts heute nicht. Heute möchte ich euch eine weitere Geschichte zum Thema „Meeting with a stranger“ erzählen. Und dieses zweite Treffen mit einem Fremden fand eben an einem meiner Kraftorte hier entlang der Donau vor geschätzten sieben Jahren statt. Ich war quasi noch neu hier in meiner neuen, alten Umgebung und hatte meine Fühler und Sensoren in alle Richtungen nach sogenannten Kraftorten ausgestreckt und aktiviert. Warum auch immer, aber Kraftorte, also Orte an denen man für eine gewisse Zeit nur für sich selbst sein kann und in der Natur die Stille findet, suche und finde ich schon mein ganzes Leben. Als Kind war einer meiner Lieblingskraftorte, wie schon erwähnt in einer meiner Geschichten, die Baumkrone vom höchsten Ahornbaum am wildromantischen Teich-, Wald- und Steinbruchgrundstück meiner Eltern. Die vielen Momente dort oben im Sommerwind sitzend kann ich zu jeder Zeit innerlich abrufen, als wäre ich erst gestern frisch erholt und entspannt wieder runterklettert ins Leben, ja in den Alltag hier unten. In Kalifornien zum Beispiel suchte ich immer wieder gerne einen Felsen auf einem kleinen Strandabschnitt namens „Broad Beach“ im nördlichen Malibu auf. Durch Santa Monica und Malibu durch fahren Richtung Norden und dann bei der Ampel neben dem Trancas Supermarket halb links in die kleine Wohnstraße einbiegen - für jene von euch, die sich vor Ort auskennen. Dort saß ich dann gerne, vor allem, wenn mir das LA Theater mal wieder zu viel wurde, im Schneidersitz am Felsen, lauschte dem Pazifik und versuchte im Rhythmus der Wellen zu atmen. Dies am liebsten ein bis zwei Stunden lang - einatmen, Gedanken fokussieren und konzentrieren - ausatmen und die Gedanken wie Müll ins Universum raus blasen. Bis die Stille eintritt, ja das Wachsein ohne zu denken. Leben im Jetzt ohne der permanenten Störgeräusche von außen wie von innen. Ein Ozean wie der Pazifik eignet sich ideal für solche Stille Sitzungen - er fehlt mir auch ein bissl, muss ich zugeben. Die Kraft und Macht des Pazifiks ist unglaublich groß und intensiv. In Andalusien, meinem Winterzufluchtsort der letzten Jahre, sitze ich gerne am Mittelmeer - dort ist es auch menschenleer und sehr schön - die Energie des Mittelmeeres kann man mit seinem großen Bruder aber summa summarum nicht vergleichen.

Einmal saß ich noch weiter nördlich von Malibu an einem der endlosen Strandabschnitte ebenfalls im Schneidersitz auf Felsen, nur ca. 50 Meter von der Brandung entfernt. Wie von Geisteshand gesteuert blickte ich plötzlich auf und sah raus aufs Meer vor mir. Ich traute meinen Augen nicht und saß wie versteinert mit runtergefallenem Kinn da: Ganz nah an der Brandung tauchte völlig wie aus dem Nichts ein riesiger Buckelwal auf - ich hatte bis dahin noch nie einen Wal in freier Natur erlebt - mir stockte der Atem. Genau einmal atmete er sekundenlang mit hoher Fontäne aus, zeigte seinen riesigen, breiten Rücken, kurz sah mein ein Auge, dann noch die riesige Schwanzflosse und weg war er wieder. Und dies ganz nah am Strand, „Wie oft im Leben kann so etwas bitte passieren?“, dachte ich und blieb mit Tränen der Rührung und Dankbarkeit in den Augen noch eine Weile sitzen. Einfach unvergesslich und unbeschreiblich. Einer der schönsten Momente meines Lebens.

Dies könnte man natürlich jetzt auch als „Meeting with a stranger“ bezeichnen - die Begegnung meiner Geschichte von heute hat aber abermals mit einem fremden Menschen zu tun und nicht mit diesem Koloss des Ozeans. Manchmal frage ich mich, wo dieser Buckelwal in diesem Moment gerade ist und ob er überhaupt noch lebt oder schon längst irgendeiner menschlichen Untat zum Opfer gefallen ist… M anchmal beim Meditieren denke ich an meinen Wal von damals und versuche mir vorzustellen, wie er gerade irgendwo in diesem unvorstellbar großen Ozean schwimmt, taucht, auftaucht und atmet. Vielleicht war es ja damals seine erste Begegnung mit einem Menschen - da ich sein Auge sehen konnte, hat er mich vielleicht ja auch wahrnehmen respektive sehen können. Who knows? Vielleicht fragt er sich ja auch manchmal wo der kleine, sitzende, weinende Mann von damals gerade wieder sitzt und übers Leben sinniert. Naja, Spaß beiseite.

Auch in Wien hatte ich so meine Kraftorte. Die Jägerwiese Lichtung im Wienerwald vom Cobenzl aus zu Fuß aufgesucht, zum Beispiel. Immer wieder mal in der Wiese liegend, zum Himmel starrend, dem Wind in den Blättern der Bäume lauschend. Ja, auch das hatte was. Egal, nun weiter im Text, ja mit der eigentlichen Geschichte von heute - jetzt hab ich mich fast ein wenig verzettelt und so viel Zeit wie ich gern hätte, habe ich heute nicht für meine neue Geschichte - ich arbeite gerade an einer zeitintensiven Filmmusik und am Nachmittag bringe ich Menschen unterschiedlichstem Alters wieder das Tennisspielen bei - wie es dazu kam ist eine andere Geschichte und mir selbst oft immer noch ein kleines Rätsel, welch Wendungen das Leben, ja die Fügung oft mit sich bringen kann.

Einer meiner schönsten Kraftorte hier an der Donau befindet sich ca. fünf Kilometer stromaufwärts oberhalb des Donaukraftwerkes Aschach am linken Donauufer. Dort endet der Radweg und mündet in einen Klettersteig und Wanderweg. Ein kleiner Bach mit meist glasklarem Wasser mündet neben einem steilen Felsen in die Donau und neben diesem Bach steht mit Blick zum großen Strom eine Holzbank. Meistens laufe ich dorthin, um zu rasten und zu genießen. Es ist für mich ein Ende der Welt, auch wenn ich weiß, dass es dahinter weitergeht.

An einem Sonntag vor ca. sieben Jahren, schätze ich, lief ich wieder im Rahmen eines sonntäglichen Morgenlaufes zur Bank am Bach bei der Donau. Dort angekommen, setzte ich mich hin um zu meditieren, ja um ein paar Augenblicke lang still zu sein. Weit und breit keine Menschenseele in Sicht - herrlich. Doch plötzlich, wie so oft im Leben, änderte sich alles und ein weißhaariger, älterer Herr kam wie aus dem Nichts auf seinem schon etwas älter aussehenden Fahrrad auf mich zu, stoppte beigleitet von den Worten „Guten Tag“ vor mir, stieg ab und setzte sich direkt neben mich auf die Bank, als wäre es das Natürlichste auf der Welt und wir beide schon ewig Freunde.

Mir war sofort unwohl und ich dachte mir „Was soll das denn jetzt wieder werden?“. Es regte mich sofort immens auf, dass dieser Fremde sich einfach ohne zu fragen, hier irgendwo im Nirgendwo zu mich setzte und schwieg. Ja, wir beide schwiegen uns für einige Momente gekonnt und hartnäckig, ja ausdauernd an. Er schwieg in meine Richtung und ich schwieg zurück. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Druckkochtopf dessen Wasser schön langsam zu kochen begann, ließ mir aber partout nichts ankennen. Eigentlich wollte ich nach ein paar Minuten einfach aufstehen und kommentarlos das Nichtgeschehen verlassen. Genau als ich im Begriff war mich zu erheben sagte er: „Schön ist es hier“ mit ostdeutschem Akzent. „Ja“, erwiderte ich, mit leicht saurem Unterton. „Sie haben ein KTM Fahrrad. KTM Fahrräder sind gute Fahrräder. Meines ist schon über dreißig Jahre alt.“ Fuhr er fort und zeigte entspannt auf seinen gepflegten, aber alten Drahtesel. „Es hat mich schon weit getragen, tausende Kilometer, Jahr für Jahr - immer angetrieben von meiner eigenen Muskelkraft. Auch bis hierhin. Wie geht es hier eigentlich nun weiter?“ fragte er mich. Und genau diese Frage hatte ich auch gerade im Sinn, nur mit dem kleinen Unterschied, dass er den Weg meinte ich die Situation. Ich erklärte ihm mit etwas freundlicherem Unterton seine örtliche Position und welche Richtungen er nun einschlagen könnte, um von hier wieder weg zu kommen, ob zu Fuß, mit einer kleinen Fahrradfähre oder wieder zurück auf seinem KTM Rad. Er hörte mir aufmerksam zu und bedankte sich sogleich auf sehr freundliche Art und Weise. Und so kamen wir ins Gespräch. Zwei Männer, beide weiße Haare, einer alt und einer jung, auf einer Holzbank im Nirgendwo, an einem Sonntagmorgen, irgendwann in diesem Leben. Schräg.

Er erzählte mir sein halbes, einfaches, aber doch auch spannendes Leben. Er sei nun, nach dem Ableben seiner Frau und dem Ausziehen seiner Kinder wieder alleine unterwegs. Ja, das Unterwegssein hatte es ihm angetan. Mit gemächlichem Tempo die Welt erkunden. Stehenbleiben und staunen, wo auch immer er möchte. Er habe nicht viel Geld übrig, „aber wer nicht viel Geld hat, kann auch nicht viel verlieren“, meinte er weise und entspannt. Nach etwa einer Stunde des Gespräches, sahen wir die kleine Holzfähre auf der Donau zur naheliegenden Anlegestelle herankommen. Er wurde schneller in seinem Erzähltempo, wollte mir aber noch unbedingt erzählen, dass er 1989, in der Nacht des Mauerfalles, mit seinem weißen KTM (meines ist übrigens auch weiß) laut jubelnd und mit Tränen der Freude und Hoffnung nach Freiheit in den Augen in Berlin über die Grenze fuhr. Hin und retour, hin und retour - weil niemand mehr kontrollierte und unzählige Menschen feierten. Damals in dieser historischen Nacht beschloss er mit seinem Fahrrad weiter und weiter zu fahren, um die Welt hinter der Mauer kennen zu lernen.

Ich begleitete ihn dann noch bis zur bereits angelegten Fähre und lauschte seiner Berlin Geschichte. Er nahm sein KTM Rad, bestieg die Fähre, schaute mir in die Augen begleitet von den Worten „Tschüss, machs gut! Schau dir die Welt an! Sie ist schön!“. Die Fähre legte mit ihm als einzigen Fahrgast ab und fuhr langsam weg. Ich winkte ihm nach, als würde ein alter, vertrauter Freund auf Reisen gehen. „Absurd, völlig absurd!“, dachte ich. Völlig aus dem Nichts. Gerade saß ich noch alleine da, mit mir und meinen Gedanken, Ängsten und Sorgen beschäftigt. Eine Stunde später war alles anders. Irgendwie verwirrt und perplex ob der Geschehnisse, lief ich wieder zurück zu meinem Auto und vollendete meinen sonntäglichen Zehnkilometermorgenlauf. Immer wieder, wenn ich zu diesem Kraftort jogge oder mit dem Rennrad fahre, muss ich an dieses Treffen mit einem Fremden denken. Er kam aus dem Nichts und verschwand wieder dorthin. Irgendwie magisch, finde ich bis heute. Wir sind alle nur Menschen, klingt pathetisch, aber es ist und bleibt so. Ich bin und bleibe dankbar für solche Geschenke der Fügung. Und ich bleibe dabei: Wenn der Mensch schon Jäger und Sammler ist, dann sollte man sich tagtäglich auf die Suche nach freudvollen, ja besonderen, wertvollen, schlicht schönen und lebenswerten, ja liebevollen Momenten machen. Ich wiederhole mich:  Es gilt die Zeit zu nützen, denn sie ist rar.

Ausgabe 6, 01.11.22: MEETING WITH A STRANGER (Teil 1): Mr. Batman

MEETING WITH A STRANGER - DREI BEGEGNUNGEN DER BESONDEREN ART (Teil 1): „Mr Batman“

Heute möchte ich mal über etwas ganz Anderes schreiben und sprechen: Über die Begegnung mit Fremden. Ich meine damit aber nicht primär die alltäglichen Kurzbegegnungen mit fremden Menschen an der Supermarktkassa oder an der Tankstelle, sondern diese seltenen, speziellen und auf ihre Art und Weise fast schon magischen Momente mit fremden Personen, mit denen man an speziellen Orten eine gewisse Zeit verbringt und dabei ins Gespräch kommt, ja einen unerwarteten Dialog führt.

Ich sage ja gerne und seit geraumer Zeit, ja bereits seit vielen Jahren immer wieder „Alles ist Fügung“ und zeitlebens, Tag für Tag gilt es der Fügung das eigene Vertrauen zu schenken. Klingt banal und für viele da draußen wohl wieder zu esoterisch - für mich ist es eine tägliche spirituelle Übung. Oder wie Byron Katie, ja die Erfinderin von „The Work“, gerne mit ihren Worten sagt: “Life is simple. Everything happens for you, not to you. Everything happens at exactly the right moment, neither too soon nor too late. You don't have to like it... it's just easier if you do.”

Gerade in Zeiten wie diesen, wo man tagtäglich mit unzähligen Störgeräuschen, ja Permanentlärm in Form von Kriegsbedrohung, Atomkrieg vor unserer Haustür, Lebenskostenexplosionen bei gleichem Umsatz bzw. Gehalt, usw., von außen belastet und zugedröhnt wird, ist es beinahe utopisch der Fügung oder eben dem Lauf des Lebens das Vertrauen zu schenken. Ein Satz wie „Alles wird gut“ klingt derzeit in meinen Ohren wie eine realitätsverweigernde Verarschung, sei er auch noch so liebevoll gemeint. Ich habe vor ein paar Wochen beschlossen, nur mehr maximal einmal pro Woche die Nachrichten im Fernsehen zu konsumieren - ja, Medienfasten ist angesagt. Auch den ganzen Müll in den sogenannten sozialen Netzwerken möchte ich mir am liebsten ersparen - mir reicht es völlig, mit dem Alltag an sich zu leben und den Fokus auf die raren aber lebensnotwendigen freudvollen Momente nicht zu verlieren.

Dass ich seit letzter Woche auch einen TikTok (ich nenne es bezeichnenderweise lieber FikFok) Account habe, hat marketingtechnische Gründe rund um mein neues Album. Klassische Werbekanäle wie Radio, Zeitschriften oder TV sind mehr oder minder obsolet geworden und so werde ich meine Musik und meine Inhalte, ja meinen sogenannten Content auch in den sozialen Kanälen fortan anteasern müssen. Ich werde versuchen, mir einen Spaß daraus zu machen - dass ich mich in diesem Umfeld wie ein alter Sack oder gar eingebürgerter Alien fühle, ist ein anderes Thema und wie es mir dabei ergeht, interessiert per se niemanden. Hier in meinem Podcast kann ich allerdings sagen und schreiben wonach mir gerade ist. Hier an dieser Stelle werde ich niemals einen Filter zulassen - egal, ob es wem schmeckt oder nicht.

Zurück zum heutigen Thema meines kleinen Podcast Aufsatzes. Ich möchte euch drei kurze Geschichten über drei kurze, aber unvergessliche Begegnungen und Gespräche mit Fremden erzählen. Drei Fügungen an den unterschiedlichsten Orten, die mich jeweils sehr überraschten, wie aus heiterem Himmel fielen und mich sehr bewegten und in weiterer Folge auch prägten.

Die erste Begegnung trägt für mich den Titel „Mr Batman“ und geschah 2011 in meiner damaligen Wahlheimat Los Angeles. Es waren ganz spezielle Tage für mich damals. Erstmals durfte ich in einem der wohl bekanntesten und renommiertesten Tonstudios der Welt ein paar Songs aus meiner Feder aufnehmen: in den Ocean Way Studios in Hollywood. Damals hießen sie bereits EastWest Studios, umbenannt nach und von einer großen Sample Library Firma, die diesen musikhistorischen Ort gekauft und vorm Untergang gerettet hatte. Die Zeiten hatten sich eben auch schon damals geändert und große, teure Studios brauchte schon damals fast niemand mehr, da die technologische Entwicklung in der Musikproduktion mittlerweile wohl jedem erlaubt, von zuhause aus Musik für die Welt da draußen zu generieren. Da ich aber schon immer ein großer Fan von echter, handgemachter, selbst aufgenommener Musik war und bin, wurde damals ein Traum für mich wahr. Ja, ich lebte für ein paar Tage einen meiner Jugendträume - jenen, mit meiner Musik raus in die Welt zu gehen. Der kleine, groß gewachsene Axel aus Aschach an der Donau, der einst von der großen Tenniswelt träumte, plötzlich als geschätzter und damals fleißig im US Radio gespielter Singer-Songwriter mit einem sehr respektvollen Produzenten, Bernie Penzias, und einem seiner absoluten Lieblingsschlagzeuger, Butch Norton von The Eels, an seiner Seite im Studio 2 der Ocean Way Studios. Inklusive einem sehr netten und kompetenten Studioassistenten und all dies nur ein paar Tage nach den Red Hot Chili Peppers. Der Yamaha Flügel der Chili Peppers war noch nicht abgeholt und so durfte ich zu meinem Song „Hooray“ (eine Liebesballade für Athena) das Klavier auf diesem großen Tastending einspielen - ich kann mich noch genau erinnern, dass ich von der unbeschreiblichen Akustik in diesem großen aber unglaublich direkt und trocken klingenden Raum sehr angetan war und mir bei den ersten Takes die Finger zitterten. Auch die Leadvocals zu diesem, wie ich finde, schönen Song sang ich im Ocean Way Studio 2. Auch dies war eine unvergessliche Geschichte, da mich Ben, der Tonmann vor Ort, vorm Einsingen fragte, in welches Neumann U47 ich denn singen möchte - ich entscheid mich dann für das intern „Frank Sinatra 47“ genannte Mikrofon - jenes aus 1954, welches sie für zahlreiche Sinatra Gesangsaufnahmen verwendeten. Welch große Ehre, dachte ich und es klang auch wirklich richtig gut durch das alte, geniale von Rupert Neve selbst gelötete Mischpult - übrigens das Lieblings-Mischpult von Rick Rubin, (Produzent von u.a. Tom Petty, Chili Peppers, etc.).

Auch Butch, der Schlagzeuger, war für mich im realen Leben bis zu diesem Tag ein Fremder - ich kannte und schätzte ihn bisher nur von seinem Drumming mit und für die Eels, eine meiner Lieblingsbands nach der Grunge-Ära. Und auch die erste Begegnung mit Butch bleibt für mich unvergesslich. Ich parkte meinen PT Cruiser am für mich mit den Worten „Reserved for Mr Wolph“ handgeschriebenen Zettel reservierten Parkplatz hinter dem Studio 2 und sah Butch bereits seine Drumsets und sein ganzes Zeugs ins Studio rein räumen. Er ging mit ausgestrecktem Zeigefinger und seinem typischen Stetson Cowboyhut und dunkler Miene auf mich zu, ich öffnete das Fenster, er zeigte mir mit zehn Zentimeter Abstand ins Gesicht und sagte statt hallo: „I see, you are one of those guys!“ Und ging wieder weg. Ziemlich irritiert stieg ich aus und fragte ihn: „Do you need a hand?“. Er blieb bei seiner dunklen Miene und erwiderte „Sure, I do need a hand.“ Ich schnappte eine seiner wunderschönen und alten Slingerland Bassdrums und ging ihm sofort nach. Plötzlich blieb er stehen, drehte sich um, umarmte mich und sagte: „Hi Axel, great meeting you, love your songs.“. Wieder stand ich da und wusste kaum wie mir geschah, bedankte mich aber höflichst für seine lieben Worte und hilf ihm weiter das ganze Zeugs ins ehrwürdige Studio, errichtet vom legendären Bill Putnam, zu tragen.

Die Aufnahmesessions verliefen schlicht großartig - Butch ist ein absolut liebenswerter Mensch und grandioser, sehr gefühlvoller und kreativer Musiker, Schlagzeuger und Percussionist. Ja, sein Humor ist einzigartig und selten musste ich neben der hochkonzentrierten Arbeit so viel beim Musikmachen lachen. Unzählige Male dachte ich, „Das hat er jetzt aber nicht wirklich gesagt?!?“. Ein kleines Beispiel: Bei meinem Song „Orchids“ spielte er nach seinen Drums auch einen Shaker ein. Aber eben nicht irgendeinen handelsüblichen Shaker, sondern eine Art doppelter Glasvase mit Glaskugeln drinnen. Als er also gerade am Shaken mit seinem Shaker war, fragte ich ihn zwischen zwei Takes über das Talkback, was er denn da in den Händen haltet? Wie aus der Pistole geschossen sagte er: „You want me to tell you what this Shaker is all about? Really? Well, this is iced sperm from my dad and it sounds really nice.“ Tja, vereistes Sperma seines Vaters, was soll man da noch sagen…

Die Art und Weise, wie mich das gesamte Studio Personal behandelte, war ebenfalls unvergesslich - kein fühlbarer Unterschied, ob Anthony Kiedis oder ich etwas brauchten oder im Studio-Komplex sinnierend und singend herum  gingen - wenn auch typisch amerikanisch oberflächlich, aber doch ein schönes Gefühl, so viel Respekt zu erfahren. Da könnte man fast schon glauben, man wäre wer Besonderer.

Nun aber zum „Meeting with a stranger“ von heute, die restlichen beiden Treffen mit Fremden erzähle ich euch in den kommenden zwei Wochen, heut gehts zuerst Mal um „Mr Batman“:

Am frühen Abend nach den Aufnahmesessions mit Bernie, Butch und Ben im legendären Ocean Way Studio, fuhr ich hungrig und ziemlich erledigt von den vielen Stunden intensivster Studioarbeit zu einem meiner Lieblingsorte in Los Angeles, dem Farmers Market auf Fairfax Avenue. Quasi ein Wiener Naschmarkt auf Kalifornisch. Dort zeigte mir mein Freund und ebenfalls Langzeit-Drummer Mario einst, ich denke, es war 2004, einen Französischen Crêpes Stand. Ein kleines rundherum offenes Lokal mit einer großen Auswahl an süßen und sauren Crêpes - nicht ganz so gut wie in Paris selbst, aber doch lecker und ein kleines Stück Europa für mich immer wieder im verrückten Los Angeles. Deshalb fuhr ich gerne dorthin und verbrachte ein paar Augenblicke in einer mir irgendwie vertrauten Umgebung, war ich doch zu Hause in Wien ein regelmäßiger Besucher des Naschmarktes - die Gerüche, die Aromen, die Leckereien, die Vielfalt, mein Notizbuch und ich. Da wir dort - ein Lebenselixir für mich seit jeher. Nur hier in Aschach hat sich diese für mich so wertvolle Aus- und Denkzeit de facto über die letzten paar Jahre in Luft aufgelöst. Aber dies ist wahrlich eine andere Geschichte.

So saß ich dann also an diesem aufregenden und auch fordernden Studiotag wieder auf nem Barhocker an der Crêpes-Bar am Farmers Market und bestellte mir irgendeine saure Crêpe. Plötzlich kam ein alter weißhaariger Mann, im gepflegten, weißen Vintage-60s-Style-Anzug heran spaziert und setzte sich genau auf den Barhocker neben mich. Es sei erwähnt, dass ich mit zwei weiteren Gästen zu diesem Zeitpunkt ziemlich alleine war und der ca. 80 jährige Greis auch irgendeinen anderen Hocker hätte nehmen können. Sobald er saß, begann er mit der überschminkten Kellnerin hinter der Theke zu sprechen und zu flirten. Aber nicht billig und aufdringlich, sondern in einem gewissen vornehmen, britischen Stil. Man könnte fast schon wertschätzend aufdringlich dazu sagen. Ich fühlte sofort ein gewisses Fremdschämen, war doch aber gar nicht in deren Konversation involviert - meine Empathie kannte aber schon damals wohl keine Grenzen. So grinste ich, mich unbemerkt fühlend, etwas mit und ja, seine flirt jokes waren wirklich von großer Schule.

Mein Look an diesem Tag war auch anders als heutzutage: Karierte, graue Hose, schwarzes Sakko, Pornostyle Kipferl-Schnurbart, riesige 70s Plastik Designbrille, Tweedhut und funky braunorange Nike Sneakers. Plötzlich, offensichtlich angetan von meinem Style drehte sich der pensionierte Flirter zu mir her und eröffnete das Gespräche mit den Worten: „I dig you style, boy, looks funky, dude. How’s your singer-songwriter life goin’?“ Ich verschluckte mich ob seiner Spontanität beinahe und antwortete „Thanks you sir, all is well - just had a great day, thank you.“ Ungebremst und frei drauf los redete er weiter. „You know boy, music is my life. I was a bass player, arranger and film music composer my whole life. I worked my ass off at places such as Ocean Way Studios and many more…“. Er erzählte mir in einem packenden Kurzreferat quasi seine halbe Lebensgeschichte. Er kam vor einigen Jahrzehnten ebenfalls wie ich aus Europa nach Kalifornien um mit seinem Können und seiner Musik raus in die Welt zu gehen und landete dabei eben als Bassist, Arrangeur und Komponist bei der damals so florierenden Filmmusik. Völlig unwissend meines vorangegangen Tages bis zum Treffen mit ihm, fragte er mich dann: „Have you ever been to Ocean Way?“, naiv ungläubig fragte ich, „You mean the legendary studios?“, „Yeah, sure“, legte er nach. Ich war irgendwie wie versteinert: „Habe ich mein Handeln und mein Sein dermaßen plakativ ins Gesicht geschrieben?“ fragte ich mich kurz zweifelnd selbst, gestand aber sofort die Fakten des Tages ein und sagte: „Yes, Sir, today was my first Day at the Ocean Way Studios, recording stuff for some of my new songs.“ Er lachte schallend laut und klopfte mir freundschaftlich auf meine Schulter, als hätten sich zwei alte Freunde gefunden, um jetzt gemeinsam einen drauf zu machen. Da man in Los Angeles aber immer sehr viel Zeit mit Autofahren verbringen muss, tranken wir nur eine Coke gemeinsam und tauschten uns weiter über Dies und Das und vor allem auch die Veränderungen seit seiner zu meiner Zeit aus. Packend, bewegend und tatsächlich wie ein alter Freund - ich sah mich selbst in ihm und er fand sich selbst offenbar auch wieder in meinen Worten und meiner Gestalt. Nach etwa einer Stunde - wir hatten mittlerweile schon zwei quasi Zaungäste, die neben uns saßen und aufmerksam mithörten und -lachten - sang er mir plötzlich lauthals, als wären wir alleine vor Ort, eine mir sofort bekannte Melodie vor... „Do you know this? Have you ever heard that?“ fragte er gleich nach. Klar kannte ich die Batman Titelmelodie und auch das gesungene „Batman!“ aus den wahrscheinlich Sechziger Jahren und sagte ihm das sogleich auch. Er strahlte bis über beide Ohren und fügte hinzu: „Well, boy, that was me! I wrote it, arranged it, played bass on it and sang it!“ Und sang es gleich nochmals für mich und die Zaungäste.

So plötzlich wie er erschien, fand unser Treffen auch dann wieder sein Ende. Er sah mir in die Augen begleitet von den Worten „You are a good man, I can see it in your eyes. Stay like this and follow your dreams. Only your heart knows what to do and where to go. Thanks for talking, I really appreciate it.“, bezahlte unsere Cokes und seine Crêpe, stand auf und ging leise vor sich hin summend und pfeifend wieder weg. Ich bezahlte auch und begab mich zurück zu meinem silbernen PT Cruiser.

Am Heimweg, den 101 rauf zum 5er Freeway, musste ich noch viel über all die Geschehnisse an diesem besonderen Tag nachdenken. Was für eine tägliche Geschichte war das denn!? Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass sich gerade solche besonderen Tage oftmals im Leben wiederholen werden, doch manchmal, wie auch soeben beim Schreiben darüber, begebe ich mich gedanklich in meiner Vorstellung wieder zurück an solche Tage und in solch bewegende Situationen, die mir meine Fügung einst schenkte.

Nächsten Dienstag geht es weiter mit einem weiteren „Meeting with a stranger“ und ich freu mich jetzt schon, euch bald davon erzählen zu dürfen. Diese Geschichten und Ausflüge in Erlebtes, ja besondere Lebensmomente finde ich gerade in Zeiten wie diesen sehr hilfreich - sie helfen mir den Fokus wieder auf freudvolle Momente zu richten, es gilt die Zeit zu nützen, denn sie ist rar.

 

(Portraiphoto by Nina Prommer)

Ausgabe 5, 25.10.22: NICHTS. ODER DER MANN DER FLIEHEN LERNTE.

NICHTS. ODER DER MANN DER FLIEHEN LERNTE.

Ich bin ein leidenschaftlicher, aber mittlerweile viel zu zu selten ausübender Angler. Schon seit Kindesalter jage ich nach dem großen Fang, könnte man fast schon metaphorisch behaupten. Auch diese Leidenschaft habe ich meiner wildromantischen Kindheit zu verdanken. Am Grundstück mit den hohen Ahornbaumkronen gab und gibt es nach wie vor einen kleinen Naturteich mit eigenen Quellen, Schilf, Schlangen, Fröschen, Fischen und allem was dazu gehört: Ein all-inclusive Kinder-Abenteuer-Park der Sonderklasse, nachhaltig, bio und zurück zur Natur pur - würde man heute wohl sagen.

Für mich und meine Freunde war es früher einfach nur „da Teich“. Und an diesem besagten Teich begann ich schon in jungen Jahren, zuerst mit selbstgebasteltem Pfeil und Bogen und etwas später mit einfachster Angel nach Karpfen, Rotaugen und Hechten zu angeln. Hier in meiner Heimat nennt man den Angler übrigens Fischer und nicht Angler. Ich suchte demnach schon im Bubenalter mein Fischerglück.

Über die Jahre hatte ich immer weniger Zeit um fischen zu gehen. Gerade als ich in Wien und Los Angeles lebte verschwand diese Leidenschaft beinahe zur Gänze aus meinem Leben. Erst vor ein paar Jahren legte ich mir eine neue Angler-Ausrüstung zu und begann immer wieder einmal mit meinen Söhnen fischen zu gehen. Alleine dieser Akt hat es mir mittlerweile wieder sehr angetan - diese wunderbare Zeit gemeinsam in der Natur mit meinen Söhnen - Vater-Sohn-Zeit deluxe sozusagen. Und am liebsten versuchen wir in einem winzigen, kleinen Ort an der Donau mit ca. 100 Einwohnern namens Untermühl unser Anglerglück. Untermühl ist für mich ein Ende der Welt. Hier steht die Zeit still. Hier verbrachte ich die schönste und entspannteste Zeit meiner Kindheit und Jugend. Meine Eltern besaßen damals ein schönes, nicht allzu großes aber auch nicht kleines Motorboot mit Kajüte und dieses war eben dort im kleinen Hafen stationiert. Die Sommermonate damals verbrachte ich meistens mit meiner Mutter zu zweit auf unsrem Boot in diesem kleinen Ort irgendwo im Nirgendwo. Für mich war es eine große, schöne und vor allem heile Welt. Märchenhaft, still, abenteuerlich und vor allem eines: entspannt. Auch dort fischte ich täglich nach dem großen Fang. Und es waren auch immer wieder mal schöne Fänge dabei - das stundenlange Sitzen mit leichter Spannung und voller Neugierde bedeutete mir damals schon mehr als das ganze hektische Theater rund um einen großen Fang. Mal ganz abgesehen vom Fische töten, ausnehmen, schuppen und allem was dazu gehört. Angeln ja, Fische fangen, eher nein.

Vor acht Jahren, an einem Sonntagmorgen, war es dann mal wieder endlich soweit: die Anglerausrüstung war gepackt, die Tageslizenz schon streberhaft am Vortag gelöst und meine älteren Söhne Laurin und Matti waren ebenso bereit wie ich, die große Mühl in Untermühl mit Hingabe leer zu fischen. Ja, so groß war die Vorfreude und Motivation.

Um sechs Uhr dreißig waren wir an einem unserer Lieblingsangelplätze kurz vor der Mühl-Donau-Mündung angekommen. Noch etwas frisch, aber ein wunderbarer Sommermorgen, ohne Hektik, ohne Menschen, nur Natur. Der Fluss, die Angelruten, ein kleines Frühstück, die aufgehende Sonne, zwei Söhne und ein entspannter Vater. Ach ja, und ein Biber, der neben uns gemütlich und ohne Angst vor Menschen peu à peu an seinem Bau zimmerte. Ja, eine Idylle - genau so mag ichs. Und so begannen wir auch unser Anglerglück zu versuchen. Eine Angelrute wurde mit einem sogenannten Blinker versehen und eine mit einem Schwimmer und einer Brotkugel am Haken. Ich kümmerte mich mit starrem Blick und großer Geduld um den Schwimmer und meine Söhne, damals fünf und zehn Jahre jung, zogen den Blinker durchs kalte, klare Wasser.

So vergingen ein paar Stunden. Ein paar ruhige, entspannte Stunden ohne einem einzigen Fang - ja, manchmal fingen meine Buben beim Auswerfen des Blinkers einen Baum oder beim Rausziehen einen schwimmenden Ast, aber Lebendiges blieb uns vorenthalten. Die Laune meiner Welpen wurde sukzessive schlechter - sie sehnten sich doch etwas mehr als ich nach einem großen Fang. „Papa, ich mag jetzt einen Hecht fangen!“ hörte ich vom Fünfjährigen immer öfter, meistens erwidert vom Zehnjährigen mit den Worten „ein Zander oder Wels wäre auch cool - es muss kein Hecht sein“.    Ich dankte meinem Großen für seine Loyalität, bemerkte aber, dass ich mir schön langsam was einfallen lassen sollte, denn auch mein Brotknödel am Karpfen-Haken fiel immer wieder der leichten Strömung zum Opfer und wurde von Fischen schlicht ignoriert. Langeweile kam auf. Also, nicht wirklich bei mir, aber bei meinen Söhnen, ganz offensichtlich und vor allem hörbar. So entschied ich mich, den Schwimmer, ohne Köder ins Wasser zu werfen und half meinen Buben bei ihrem Vorhaben, einen Raubfisch an den Dreifachhaken zu bekommen. Wir änderten immer wieder unsere Einwurfpositionen, vermuteten da und dort den großen Fang. So konnte ich sie noch für eine weitere Stunde, es ging schon gegen Mittag, bei Laune halten.

Plötzlich änderte sich, wie so oft im Leben, alles. Ein schäbiger, angerosteter, weinroter VW Bus blieb genau hinter unsrem Anglerplatz stehen. Meine Söhne blinkerten und ich starrte auf den Schwimmer ohne Brotknödel fünf Meter vor mir in der Mühl treibend. Ich drehte mich um und sah die Aufschrift „Carp Hunter“, groß und laienhaft selbstfoliert am Profifischer-Campingbus stehen. Ein Mann mittlerem Alters, in seiner Erscheinung schäbig wie sein Bus stieg aus und schlapfte träge aber doch bestimmt in meine Richtung. Ungefähr einen Meter neben mir blieb er stehen und begrüßte mich mit der für die Region Mühlviertel typischen Begrüßung: „Seas“. Ich roch seinen sanften Biermundgeruch und grüßte freundlichst zurück mit einem schlichten „Servus“. Meine Buben sagten gar nichts und ließen mich mit dem Karpfenjäger alleine. Die der rudimentären Begrüßung folgenden Schweigeminuten waren an Spannung und Ungewissheit kaum zu überbieten. Ich saß da, starrte aufs Wasser und der Profifischer stand sich seinen Sack kratzend neben mir und schwieg zurück. Schön langsam bekam ich es ein wenig mit der Angst zu tun. Nicht, dass dieser in Camouflage-Kleidung overdresste Mühlviertler mir oder meinen Buben was antun würde, nein, sondern, dass er mir bald aus seiner Profession und Neugierde heraus Fragen stellen könnte.  

Und so kam es: Plötzlich räusperte er sich kurz und sagte: „Und, geht wos?“, im Sinne von „Und, hast du heute schon einen Fisch gefangen?“. Leicht erleichtert antwortete ich spontan und mühlviertlerisch angehaucht: „Na, geht nix.“, im Sinne von, „Nein, ich habe heute noch keinen Fisch fangen können.“ Es folgte wieder minutenlanges Schweigen. Ich konnte beinahe seine Zahnräder im Hirn knattern und rattern hören. Kurz rülpste er ein wenig, dann schwieg er wieder. Und ich schwieg auch. Wieder bekam ich es leicht mit der Angst zu tun und hoffe, dass er mir nicht die eine, bestimmte Frage stellen würde. Und als ich noch am Hoffen war, stellte er sie mir: „Wos hostn drauf?“, im Sinne von „Welcher Köder hängt unter deinem Schwimmer da draußen am Haken?“ Mit dieser Fangfrage hatte er mich erwischt. „Was nun?!?“, dachte ich laut in mir. „Was sage ich jetzt?!?“ Ich sehnte mich nach Hilfe meiner Söhne, aber die hatten sich schweigend in Sicherheit gebracht und ließen mich mit dem Carp Hunter alleine. Ja, sie schienen wahnsinnig beschäftigt und waren für keinerlei Gespräch zu haben. Gerade eben noch permanent am Schwätzen, plötzlich die bravsten Kinder auf Erden. Jetzt hörte ich meine eigenen Zahnräder im Kopf rattern…“Axel, sag was!“, hörte ich immer lauter und sah mich gefangen, wie so oft im Leben, zwischen Wahrheit oder Notlüge. Und da ich zeitlebends immer emotional ehrlich sein möchte, sagte ich einfach: „Nichts.“, im Sinne von „Ich habe nichts am Haken angeködert.“

Die folgenden Minuten waren an Stille kaum zu überbieten. Und ich hatte glaskar den Eindruck, dass es der Karpfenjäger nun auch ein wenig mit der Angst zu tun bekam. Er wirkte irgendwie wie versteinert, rülpste und und kratzte sich nicht mehr. Dachte wohl, einen Irren in freier Wildbahn angetroffen zu haben. Er stand da, und schwieg. Ich hatte das Gefühl, auch er sehnte sich in diesem Moment ein wenig nach Hilfe von außen. Und so schwiegen wir uns von einander beängstigt noch ein paar Augenblicke an. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich war, als er dann plötzlich das Schweigen in der Natur brach: „Seas“, sagte er, drehte sich um, schlapfte zurück zu seinem Abenteuerfahrzeug, stieg ein und fuhr mit fast schon quietschenden Reifen davon. Weg war er. Er hatte die Flucht ergriffen und ich war wieder frei. Meine Söhne kamen wieder in meine Nähe und gaben sich interessiert: „Wer war das Papa und was hat er gesagt?“, fragten sie neugierigst. „Nicht viel“, antwortete ich. „Fast nichts“ hat er gesagt.

Der Hunger ließ uns unsere Sachen packen, zuhause warteten schon Mamas Schnitzel auf uns. Seither muss ich immer wieder an diese Situation an der Mühl in Untermühl denken. Ich hoffe für den Unbekannten, dass sich seine Angst vorm köderlosen Fischer, ja dem Verrückten mit dem Haken ohne irgendwas, mittlerweile wieder gelegt hat.

Ausgabe 4, 18.10.22: "DISZIPLIN IST DIE KUNST, SICH DIE FREIHEIT ZU NEHMEN"

„DISZIPLIN IST DIE KUNST, SICH DIE FREIHEIT ZU NEHMEN.“

Diesen sperrigen Satz sagte vor ca. fünfzehn Jahren mein damaliger spiritueller Lehrer Alexander zu mir, am Ende einer meiner unzähligen Stunden bei ihm. Als ehemaliger Leistungssportler fühlte ich mich von diesen Worten sofort und unmittelbar in meiner Freiheit beschnitten und stimmte ihm mit den Worten „Oh ja, mir selbst die Freiheit weg zu nehmen - darin bin ich wahrlich Weltmeister!“ zu. Alexander lachte, schallend laut, wie immer, fast schon spöttisch auslachend laut. „Was hab ich jetzt wieder falsch verstanden“, fragte ich sofort in sein Gelächter hinein, leicht angewidert. „Nichts!“, sagte er, „Du hast diesen Satz genau so verstanden, wie du ihn für dich verstehen möchtest. Wie könntest du ihn noch verstehen?“ Ich überlegte und rezitierte „Disziplin ist die Kunst, sich die Freiheit zu nehmen“ immer und immer wieder mehrmals laut und leise vor mich hin. Und plötzlich machte es Klick im Kopf.

Ja, Disziplin ist wahrlich die Kunst, sich die Freiheit zu nehmen, die man braucht. Und eben nicht im Sinne von sich selbst wegnehmen, sondern im Sinne von zugreifen und an sich ziehen. Anders gesagt und im Imperativ formuliert: Nimm dir die Freiheiten, die du brauchst, damit es dir gut geht! Und zwar rechtzeitig, bevor der Lärm von innen sowie von außen in dir zu laut wird. Ja, rechtzeitig dafür sorgen, dass man frei und beweglich im Geiste bleibt - rechtzeitig das tun, was einem selbst gut tut und somit im Umgang mit sich selbst und der immer lauter werdenden Welt da draußen hilft. Dies in meinem Leben zu integrieren war noch ein etwas längerer Weg, gerade auch als dreifacher Familienvater eine doch größere Herausforderung - und auch heute noch, vergesse ich immer wieder auf mich selbst zu achten. Immer wieder mache ich die bereits tausendfach erprobte und erlebte Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn man den Zeitpunkt für die eigene Freiheit verpasst.

Und genau heute in der Früh musste ich abermals an diesen Satz von Alexander von damals denken. Bloß warum? Letzten Freitag erschien mein neues, bereits siebtes Soloalbum - mein erstes Album in meiner Muttersprache mit dem schönen Titel „Romantick“. Am Freitag Abend feierte ich - obwohl ich mich schon nachmittags kränklich und unwohl fühlte - noch ein bisschen mit Athena und Freunden im Studio die Geburt meines neues Werkes. Gar nicht klug, aber schön wars. Die Rechnung für meinen Übermut bekam ich am Tag darauf in Form von extremstem Husten, Halsschmerzen und allem was dazu gehört, am Frühstücksteller präsentiert. Freud und Leid mal wieder nahe beisammen - wie so oft im Leben. Zuerst war ich unheimlich enttäuscht von mir selbst - dieses Gefühl hielt aber nicht lange an. Ich bemerkte schnell, dass mein Körper und auch mein Geist Ruhe und Stille benötigen. Schönerweise sind meine Söhne schon größer und Athena eine großartige, fürsorgliche Partnerin und somit konnte ich ruhen. Abwarten und Tee trinken, sozusagen.

Plötzlich bemerkte ich, wie schön es ist, die Zeit mal einfach wieder nur vergehen zu lassen - ohne Stress und elendslangen Todo-Listen. Ich meditierte und suchte die Stille in mir auf - ja, wach sein, ohne zu denken. Dies dauert zwar immer eine gewisse Weile, wenn sie aber eintritt ist es immer wieder ein herrliches Geschenk. Und aus dieser Stille heraus Gedanken und Emotionen zu beobachten ist auch immer wieder ein besonderes Erlebnis.

Und so viel mir auch auf, dass es ein wunderbares Gefühl ist, ein neues Werk in den Händen zu halten. Ja, ich weiß, dass ich da ziemlich „old school“ bin, aber so wurde ich halt mal geprägt und im Unterschied zu manch anderer Prägung in meiner Kindheit, finde ich diese absolut lebenswert und schön. Stundenlang bin ich als Kind und Jugendlicher mit unzähligen CDs und Schallplatten in den Händen am Boden vor irgendwelchen Lautsprechern gesessen und habe Musik in mich aufgesaugt. Ja, Musik - die wohl schönste Art, sich selbst die Freiheit zu nehmen, egal ob als Musiker oder als Zuhörer. Und genau das faszinierte mich schon damals und hielt eigentlich bis heute an. Eigentlich sage ich deshalb, weil es einfach viel zu selten im Alltag passiert. Meistens hört man schnellschnell mal am Smartphone auf irgendeinem Streaming-Portal in einen Song rein und zappt sich schnell weiter - so wie im TV Programm abends auf der Couch. Und wenn ich meine Söhne oder die jüngeren Generationen so beobachte, dann wird mir alleine davon schon schlecht. Gleichzeitig ertappe ich mich selbst, wie ich völlig sinnlos durch Social Media Plattformen scrolle und dabei völlig unbewusst meine Sinne und manchmal auch meinen Verstand beinahe verliere. Permanenter Müll im Zickzacktempo. Genau SO wollte ich NIEMALS leben. Ich bin und bleibe ein von Grund auf wildromantischer Mensch. Ich liebe das Langsame. Ich liebe es Emotionen zu durchleben, nicht nur anzutriggern.

Als ich mit sanften 14 Jahren, damals noch völlig dem Tennis verfallen, begann, Songs zu schreiben, lag die sogenannte Aufmerksamkeitsspanne für Popsongs bei drei Minuten - letztens musste ich erfahren, dass die Tendenz heutzutage in Richtung 15 Sekunden geht. Tiktok und der ganze Müll machen dies möglich. Unglaublich eigentlich. Schauderhaft, grindig - und gefährlich! Es ist eine Welt von Schlagzeilen, von Inhaltslosigkeit, Fassaden und Oberflächen geworden. In der Schule meines Dreizehnjährigen wird es nun gleichaltrigen Mädchen verboten, bauchfrei und in Jogginghosen oder minimalen Hotpants und maskenmäßiger Schminke in die Schule zu gehen. Ja, Verbote bringen seltenst Verbesserungen und die Kinder von heute werden tagtäglich stundenlang mit dieser fürchterlichen, substanzlosen Fassadenwelt gefüttert. Wir selbst arbeiten als Eltern ganz stark und intensiv mit unseren Söhnen daran, dass man nicht immer im Leben alles was da draußen passiert mitmachen muss. Klar, Gruppenzwang und Coolness-Kämpfe, aber: nein. Ich versuche als Vater und auch als Musiker und Sport- bzw. Tennisbegeisterter Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen die Begeisterung und den Mehrwert durch haptische, sprich in der Realität passierende, fühlbare Aktivitäten und Erlebnissen nahe zu bringen. Eine Stunde echtes Tennisspiel ist mit keinem Computerspiel zu ersetzen oder gar zu vergleichen. Kein fünfzehnsekündiger Video- oder Musikstream kann das Erlebnis einer Schallplatte oder einer CD ersetzen. „Es gilt die Lebenszeit zu nützen, denn sie ist rar“, sag ich jetzt schon zum dritten Mal hintereinander in meinen Podcast-Beiträgen.

Und genau in diese Kerbe schlägt meine Existenz und mein Handeln. Ja, meine Musik, meine Tonträger, mein Tennisunterricht, meine Stille-Sitzungen, mein Klavierspiel, mein Motorradfahren, mein Schreiben und Vorlesen. Ich bin zwar selbst präsent auf Instagram und Facebook, aber dies schlicht aus Vermarktungsgründen meines musikalischen Schaffens. Dass ich diese Kanäle in Wahrheit am liebsten sofort nicht mehr selbst bespielen möchte, ist eine andere Geschichte. Aber mittlerweile habe ich den Umgang damit soweit mal ganz gut im Griff und über die Jahre gelernt, was man wie in welcher Zeit erledigen kann. Dass man als Künstler tagtäglich mit Following-Zahlen, also Likes, Shares und Views konfrontiert wird, wird mir immer egaler. Wenn jemand meine Qualität daran misst, gehört er oder sie klar ersichtlich nicht zu meiner Zielgruppe.

Und so hab ich mich als an einer bakteriellen Lungenentzündung erkrankter Sportmusikant auch gestern mal wieder hingesetzt und bewusst mein „Romantick“ Album in meinen Händen gehalten und hingehört. 40 Minuten lang. Zuerst Seite A, dann die Platte wenden und dann Seite B. Danach noch „Abbey Road“ von den Beatles und „In Rainbows“ von Radiohead. Ja, dies dauert länger aber es ist und bleibt eine wundervolle Kunst, sich selbst diese Freiheit zu nehmen.

Halbgenesen werde ich heute auch wieder den Tennisplatz aufsuchen und jungen Menschen dabei helfen, Phreude an der Bewegung und dem gelben Filzball zu entwickeln und zu erleben.

Ich wünsche euch allen für heute und die kommende Woche viele langsame, phreudvolle, emotional wertvolle, ja vielleicht sogar stille Momente.  Oder wie Paul McCartney einst so schön schrieb: „Let it be“, ja, lass es sein, das Sein. 

Ausgabe 3, 11.10.22: DER GEFÜHLEKATALOG - ZEHN LIEDER IM SINNE MEINER ROMANTICK.

DER GEFÜHLEKATALOG - ZEHN LIEDER IM SINNE MEINER ROMANTICK.

Am kommenden Freitag, den 14. Oktober 2022, ist es nun also soweit: mein erstes Album mit Songs in meiner Muttersprache erblickt das Licht der Welt. Und als Zugabe gibt es noch eine Neuauflage meiner „Muttersprache“ EP, mit „Vorhang fällt“ einem noch unveröffentlichten Song, den ich nach dem Ableben meiner Mutter in einer Reihe mit „Vorüber gehen“, „Du regnest“ und „Immer da“ geschrieben habe. Ohne dem Wunsch meiner Mutter, auch mal Songs zu schreiben, die sie auch gleich verstehen könnte, würde es wohl nun auch kein „ROMANTICK“ Album geben. Dafür danke ich ihr nachträglich sehr - auch wenn sie diese Songs nicht mehr zu hören bekommt.

Ich möchte meiner Mutter hier und jetzt auch nochmals für meine wildromantische Kindheit danken. Sie ließ mich in Baumkronen klettern und stundenlang dem Wind lauschend dort oben verharren. Sie nahm mir jegliche Angst, gab mir Geborgenheit und stillen Rückhalt - sie war immer da, ohne jemals aufdringlich zu sein oder gar im Zentrum stehen zu wollen. Sie ließ mich sein - so wie ich bin. Sie gab mir Rückendeckung - so sehr, dass ich es nicht einmal bemerkte. Dies wurde mir alles erst viel später klar - Jahre später, als ich lernen musste, dass die Gesellschaft in der wir Leben, niemals auf einen wartet. Anders gesagt: Ob man existiert oder nicht, ist einer schlicht auf Leistung, Wachstum und Kapital basierenden Gesellschaft per se völlig gleichgültig. Kinder sind oftmals generell unerwünscht oder nur Statussymbole - der Wert der Familie hat sich in unseren Breitengraden kläglichst vermindert. Leben heißt überleben und tägliches kämpfen, egal ob in der Schule oder im Berufsleben. Demnach sehr unromantisch das Ganze mittlerweile. Vom später erlernten, Buddhistischen Grundprinzip „Leben heißt leiden“ hatte ich damals noch keinen Schimmer. Meine Kindheit, ja die vielen Stunden alleine mit meiner Mutter (meine Schwester verließ die Familie als ich sieben Jahre jung war und mein Vater ging konsequent seiner Karriere als Autoverkäufer nach) war ohne Zweifel die Grundsteinlegung für meinen auch heute noch ausgeprägten Hang zur Romantik. Aber was sagt eigentlich das Lexikon zu diesem Begriff?

Im Oxford Wörterbuch steht: „Epoche des europäischen, besonders des deutschen Geisteslebens vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die in Gegensatz steht zu Aufklärung und Klassik und die geprägt ist durch die Betonung des Gefühls, die Hinwendung zum Irrationalen, Märchenhaften und Volkstümlichen und durch die Rückwendung zur Vergangenheit“. Als Merkmale werden die „Verklärung des Mittelalters, Weltflucht, Hinwendung zur Natur, Betonung subjektiver Gefühle und des Individuums, Rückzug in Fantasie- und Traumwelten, Faszination des Unheimlichen“ angeführt.

Ja, dem kann ich tatsächlich bis heute viel abgewinnen. Schon als kleiner Bub wollte ich alle Gefühle sammeln und in einer Art Gefühlskatalog anlegen. Ich hatte die naive Vision, ja den Kindheitstraum von einem Buch der Gefühle, wo alles, was man empfinden kann detailverliebt und grenzenlos ehrlich beschrieben wird. Doch schon bald musste ich erkennen, dass ich dieses Vorhaben wohl niemals in nur einem Leben vollenden könnte - zu viel empfand ich für alles und jeden und jeden Tag aufs Neue neue Gefühle - die unzähligen Facetten wuchsen zur Lawine und begruben meine Emotionssammelwerkträume.

Erst als ich mit 14 Jahren begann selber Songs zu schreiben, bemerkte ich, dass dies zumindest ein kleiner Weg in Richtung Gefühlsverarbeitung und -speicherung sein kann. Die Verbindung von Wort, Melodie, Harmonie und Interpretation erwies sich als sinnbringende Kombination und Waffe im Dickicht der Emotionen - übrigens: das Wort „Emotion“ ist ein englischer Neologismus aus „energy in motion“ - also Energie in Bewegung oder eben einfacher gesagt: Schwingung. Und wie man mittlerweile auch in der Physik weiß, ist alles Schwingung. Jedes Wort, jede Zelle, jedes Atom. Und dies wiederum bedeutet auch, dass alles Emotion ist. Alles was der Physik von Schwingungen entspricht, entspricht auch der Physik von Emotionen, siehe Resonanz, Interferenz, Verstärkung und Schwächung.

Als Kind war es wunderbar, sich all den Schwingungen hingeben zu dürfen. Nur selten bekam ich Sätze wie „Jetzt schau nicht so hin!“ oder „Jetzt nimm nicht immer alles so wörtlich!“ zu hören, und natürlich konnten diese Aufforderungen zur Stumpfsinnigkeit auch nur irgendwas an meinem Sein, Fühlen oder Handeln ändern. Ich bin ein hochsensibler Beobachter seit ich denken und fühlen kann. Meine Mutter ließ meine Hypersensibilität zu - selbst gefangen in einer in Testosteron getränkten Welt - Männerherrschaften überall. Selbstbestimmung für eine Frau ein Fremdwort, die Emanzipation noch in Babyschuhen. Meine Mum war eine stille Revoluzzerin - „niemals laut, aber immer da“, schrieb ich treffend mit einfachsten Worten im Song „Immer da“.

Je älter ich werde, desto wichtiger wird für mich diese bewusste Zurückhaltung, dieses Understatement, dieses, ja unmännliche Gehabe und diese unegozentrische Lebensart. Wo wir wieder automatisch bei der Definition von Romantik gelandet wären: Rückkehr zur Natur, Betonung subjektiver Gefühle, Rückzug in Traumwelten, etc. Ja, ich erkenne in der Selbstbetrachtung immer mehr, dass ich tatsächlich jener Mensch geworden bin, der ich schon immer war und der einst von einem deutschen Musikkritiker als „romantischer Anarchist“ bezeichnet wurde. Ja, ich verachte Hierarchien, begegne Menschen offenherzig und gleichwertig und kann der rein materiellen Welt nichts abgewinnen. Ich habe die Stille kennen und schätzen gelernt - ja, das bewusste Wachsein ohne zu denken. Im Gegensatz zur Erkenntnis von René Descartes „Cogito ergo sum“, („Ich denke, also bin ich“) widerspreche ich gerne mit „Sentire ergo sum“ - „Ich fühle also bin ich“. Und stelle auch gerne das Gegenbeispiel in den Raum: Wenn ich als Mensch nur bin, weil ich denken kann, dann wäre ich als Mensch bevor ich denken kann inexistent. Jedes Neugeborene, jeder Mensch bis zum zweiten Lebensjahr wäre demnach nicht da - jeder neue Mensch kann aber vom ersten Atemzug an fühlen. Die Emotion ist demnach der Ratio vorrangig. Eindeutig. Und immer.

Womit ich wieder bei der Musik gelandet wäre. Die Emotion, das subjektive Empfinden steht auch hier im Zentrum meiner Wahrnehmung. Ich setze mich nie hin, um bewusst oder gewollt einen Song oder Musik zu schreiben. Alles passiert, je nach dem, wie mir gerade ist. Das Denken hilft mir, die Gefühle zu ordnen und zu verstehen. Das Denken hilft mir im Handeln, das Fühlen ist mein Sein. Demnach sind alle meine Songs (ich hab sicher schon mehr als 300 Songs geschrieben) mit autobiographischen Zügen versehen. Und ich kann auch zu jedem Song meines „Romantick“ Albums genau sagen, was das Gefühl, die Situation und demnach auch die Gedanken dazu waren oder sind:

„Anders als richtig“: Ein Song als Dialog mit mir selbst - mit meiner besseren Seite - dem guten Wolph in mir. „Es wär’ doch zu schön mit dir“, sing ich. Eine Selbstreflektion auf den allmenschlichen inneren Kampf mit sich selbst. Ein Lied für die Vorstellung, ja der Traumwelt eines Lebens ohne dem Troublemaker, ja dem schmerzbringenden Ängstlichen und Zweifler in mir. „Es wär’ doch zu einfach mit dir“, „Es wär’ doch nicht nur anders als richtig“, hab ich für mich passend zur Stimmung und zu den Gefühlen geschrieben. An der Oberfläche liest sich der Text zum Song wie ein Liebeslied - und genau dies, machte den Song als Ganzes für mich gut und spannend. Ich liebe es, wenn Texte mehrere Ebenen besitzen - ich liebe es, wenn Musik weiter in die Tiefe geht und dennoch eingängig und einfach bleibt.

„Lass mich“ ist ein Song, den ich vor elf Jahren geschrieben habe. In einer schwierigen Zeit für mich und meine Frau Athena. Ein Song, der wie so viele in weniger als einer Stunde fertig geschrieben und getextet war. Ein Text voller Trennungsangst und offenkundig gestandener Liebe kombiniert mit kalifornischem Westcoast Sound - à la ich bin unterwegs ins Nirgendwo, aber ich bin unterwegs und somit am Leben. Und so lange ich lieben kann, lebe ich. Ein dunkler Moment kombiniert mit positiven musikalischen Vibes. Ja, sowas mag ich.

„Die Bäume“ ist ebenfalls ein Song, den ich schon vor Jahren ganz spontan und unüberlegt in meiner Muttersprache geschrieben habe. Ich befand mich in einer gewissen Aufbruchsstimmung, wollte raus in die Welt, um mich selbst besser kennen zu lernen und zu finden. Thematisch demnach nahe dran an „Lass mich“ aber mit ganz anderer Musik versehen - introvertierter, in sich ruhender, zurückhaltender.

„Amen“ wiederum ist einer jener Songs, die manchmal quasi zwischen Tür und Angel passieren. Ein simples Gitarrenriff, eine Stimmung, ein Tempo - alles kombiniert ergibt eine Mood, wie man so schön neudeutsch sagt. Ein Text ohne viel Überlegen einfach hin gerotzt, gepaart mit einer gewissen Scheißdrauf-Stimmung in mir. „Keiner trägt die Last in meinen Sandalen, keiner wütet in mir wie meine Vandalen…“ singe ich zu Beginn - und diese beiden Zeilen geben schon klar und deutlich die Richtung vor. Die Opening Lines sind mir immer sehr wichtig beim Texten - darüber sinniere ich wohl am längsten bei jedem Songtext. Und ich mags auch Worte zu entfremden - wie hier zum Beispiel „Amen“. Natürlich verwende ich es dieses Wort hier nicht im Christlichen Sinn, sondern vielmehr im Sinne von „scheiß drauf, weitergehts“. Das Schreiben an sich ist für mich sehr oft wie ein Spiel mit Worten. Gerade in meiner Muttersprache jongliere ich gerne mit Wortbedeutungen - fühle mich künstlerisch frei und kann tun und lassen was ich will. Ich schreibe auch gerne bewusst Wörter falsch oder umgehe die Rechtschreibung. Gesetze dienen der Orientierung, aber sie können mich in meinem Schaffen niemals einengen: „Amen!

Mit „Lieber Februar“ ist mir eines meiner schönsten Liebeslieder gelungen, möchte ich bescheiden feststellen. Ein Liebeslied an jenes Monat, welches mir Jahr für Jahr Probleme schafft. Immer nach meinem Geburtstag am 20. Jänner gehe ich psychisch wie auch physisch energetisch in die Knie. Und vor einem Jahr saß ich dann Anfang Februar plötzlich im Studio und schrieb diesen Song. „Hörst du nicht, wie die Welt zerbricht…“ singe ich im Refrain - damals natürlich noch unwissend, dass wir ein Jahr später mit doppelten Lebenskosten und einem riesigen Krieg und unzähligen Bedrohungen zu kämpfen haben werden. Am Schluss schaffe ich den textlichen Twist - die für mich sehr wichtige Wendung in der Aussage: „Die Welt zerbricht - nicht.“ Hoffnung lässt uns weiterleben und deshalb gehört sie auch geschürt.

Absolut schön finde ich, dass es mein Album auch als Digipack CD und hochwertigem 180g Vinyl geben wird. So wie früher mit dem Booklet sitzen und bewusst Musik hören und lesen. Auch dies war fixer Bestandteil meiner Kindheit und Jugend. Ich weiß noch genau wie ich mich fühlte, als ich zum ersten Mal „Imagine“ von John Lennon hörte, beim Plattenspieler meines Vaters am Boden sitzend. Tränen in den Augen - unverstandene Tränen, denn sie waren neu. Die Musik bewegte mich zutiefst und begeisterte mich - im wahrsten Sinne des Wortes. Oder ein paar Jahre später dann „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana. Was für eine Kraft und Energie! Wow, bis heute.

Letzte Woche beobachtete ich Nielsi, meinen dritten, zehnjährigen Sohn dabei, wie er sich ganz bewusst und in sich ruhend alle 15 Songs von der „Romantick“ & „Muttersprache Deluxe“ Digipack CD auf seiner kleinen Hifi-Anlage anhörte. Die Beine überkreuzt in Denkerpose, still mitsingend und Wort für Wort lesend. Am Ende stand er auf, ging zu mir rüber in die Küche und umarmte mich still und lange. Ein für mich unbeschreiblich schöner und unvergesslicher Moment. Ich fragte noch naiv „Und, hats dir gefallen?“. Er antwortete wie ein alter, weiser Mann mit Blick in meine Augen: „Ja, Papa, es hat mir sehr gefallen.“ Die Kraft der schlichten Worte hat er schon in jungen Jahren begriffen.

Ihm ist auch der erste Song auf der B Seite der Schallplatte gewitmet. „So schön“ habe ich geschrieben, als er mal einen ganzen Vormittag kränklich bei mir im Studio verbrachte. Seine Ausstrahlung, seine Blicke und Worte ließen mich dieses Lied schreiben. Ein Text voller Dankbarkeit und Liebe. Für den Moment und sein Sein. Dankbarkeit dafür, dass das Leben auch solche Momente und Lebewesen, ja Begegnungen mit sich bringen kann. Große Gefühle simple für die Ewigkeit verpackt. Ach ja: Als ich den Song hatte wollte ich ihn gleich wieder in die Schublade geben, weil er mich harmonisch zu sehr an „Creep“ von Radiohead erinnerte - ebenfalls ein schöner Song meiner Jugend. Aber dann dachte ich „Scheiß drauf! Ist so, bleibt so, ist gut so.“ Und das Songwriting Rad hat seit den Beatles sowieso niemand mehr neu erfunden. Alles wiederholt sich - und „So schön“ ist in voller Gänze ein Song von mir.

Dass das Leben ein sich stets wiederholender Kreislauf ist, ist Thema von „Wie es war“. Abermals ein tief gehender Text kombiniert mit zeitlosem, positivem Westcoast Sound. Ich mag auch Songs, die man mehrmals entdecken und lieben lernen kann. Dies ist genau so einer - auch für mich als Urheber wächst der Song mit jedem Anhören weiter. Ich entdecke neue Nuancen im Spiel der Musiker, neue Textpassagen, die mich berühren: „Nichts sag ich zu dir und du schweigst zurück. Jeder kennt doch jeden, niemals so richtig gut.“ hats mir letztens erst angetan. Texten als Spiel mit Worten. Immer wieder schön, wenn man damit ins Tor der Gefühle trifft.

Wie dunkel das Sein kann sein weiß wohl jeder/jede, der oder die noch nicht völlig im Alltagstrott verstumpft ist. Und klarerweise hab auch ich dunkle Tage. Und genau an so einem scheiß Tag hab ich „Einer dieser Tage“ geschrieben. Rauchig, reduziert, rudimentär instrumentiert und wie eine alte Neil Young Platte klingend zu Beginn. Aber irgendwie wollte ich nicht in der Mood der ersten Strophe bleiben. Ich wollte mir selbst den Kopf aus der lyrischen Schlinge ziehen. Ich wollte, dass der Song in die Zuversicht kippt und wie eine Morgensonne durch den Nebel aufgeht, um schließlich wieder hell zu leuchten. „Ein neuer Tag muss her!“ kam bei dieser Wendung am Schluss dann raus. Eine Transformation ins Positive - das Leben ist und bleibt eine tägliche Geschichte. Heute so, morgen so. Übermorgen so. Und ein neuer Tag bleibt wohl das zeitlebens größte Geschenk. Dies dachte ich mir auch ganz klar, als ich meine Mutter zum letzten Mal lebendig sah. Sie hätte auch noch gerne einige neue Tage erleben dürfen. Eine Morgensonne durch den Nebel. Ein wildes Vogelgezwitscher oder eine sanfte Brise in einer Ahornbaumkrone.

Der vorletzte Song „Alleins sein“ entstand über mehrere Wochen. Die Harmonien und die musikalische Stimmung war mir schnell klar und schrieb sich wie von alleine. Textlich drehte ich mich ein wenig im Kreis, bis ich erkannte, dass es genau darum geht: „So wie die Welt sich dreht und Zeit von alleine vergeht, so wie der Wind sich dreht, so selbstverständlich, so unvergänglich bist du.“ Stand dann schließlich und endlich mit Kugelschreiber auf Papier geschrieben. Eine Odé an mich und mein Leben, ja mein Dasein im Hier und Jetzt.

Und als ich viele Songs geschrieben hatte, fehlte mir genau noch eine emotionale Stimmung, die ich irgendwie noch umkreisen wollte wie ein Adler seine Beute. Eines nachts schlug ich zu und schrieb „Nachts“. Aus dieser Stille, unabsichtlich geweckt von meinen Söhnen im nächtlichen Ehebett, entstand diese, einzige Klavier-Ballade am Album. Textlich voller Dankbarkeit und Liebe an Athena - für unseren bereits zwanzigjährigen Weg zusammen. „Wenn nachts die Zeit für eine Weile stillsteht und Stille den Tag verweht, schreib ich dir diese Zeilen, auf Papier können Worte verweilen…“.  „Und wir, sind immer noch hier, Jahr für Jahr näher an dir. Ja, wir sind immer noch hier und wir bleiben.“

Ich wünsche euch allen viel Vergnügen mit meinem ersten Album in meiner Muttersprache, meinem Hang zur Romantick gewidmet. Ich wünsche euch Zeit damit. Es gilt die Zeit zu nützen, denn sie ist rar oder anders gesagt „Das Leben kann so schnell an dir vorübergehen“.

Ausgabe 2, 04.10.22: Begegnungen und Emotionen..

Ausgabe 1, 27.09.22: IHR LETZTER WUNSCH.

IHR LETZTER WUNSCH.

Ich glaube, es war an einem Freitag. Oder Donnerstag. Egal. Jedenfalls war es unmittelbar nach meiner mündlichen Matura Prüfung in Deutsch. Mit Tränen in den Augen hinter ihren aschenbecherdicken Brillengläsern sagte meine Deutschprofessorin, Frau Magister Pichler, coram publico vor der versammelten Prüfungskommission folgende Worte zu mir: „Lieber Axel, danke. Ich habe heut noch einen ganz großen Wunsch an dich: bitte schreib weiter. Bitte schreib, schreib, schreib und lass es mich wissen!“ Sogar jetzt noch, 24 Jahre danach, berührt mich diese, mir damals insgeheim sehr peinliche Situation immens. Ich war wie versteinert und konnte kaum auf ihre Worte und Emotionen reagieren. Ich befürchte, ich grinste sogar leicht ob der Skurrilität des Momentes. Mittlerweile musste ich erfahren, dass sie schon vor einigen Jahren ihren jahrelangen Kampf gegen den Krebs verloren hat. Ich hab sie tatsächlich nie mehr wieder in meinem Leben nach der Matura gesehen oder gar in der Schule besucht. Heute tut mir dies unbeschreiblich leid - immer wieder kommt mir diese Situation seither in den Sinn. Und immer wieder frage ich mich, wie ich bloß so ein eingebildeter, abgehobener Scheißkerl sein konnte. Sie liebte meine Texte, förderte und motivierte mich. Sie machte mir Mut zu meinen Texten und Worten zu stehen. Sie war traurig, mich nicht mehr als Schüler zu haben und hatte den beachtlichen Mut, dies vor all den anderen Lehrern zu zeigen. Sie laß fast nach jeder Schularbeit meine Texte vor der Klasse vor - dass dies als Teenager oder sagen wir junger Erwachsener, wahrlich äußerst uncool war, muss ich niemandem erklären, war ihr aber völlig egal. Vor den KlassenkameradInnen cool zu wirken war mir offenbar immer wichtiger als die Substanz und Anerkennung, die sie mir schenkte.

Beim heutigen, zweistündigen Waldmarsch über Stock und Stein, durch Schlamm und nasse Farne, warf ich immer wieder mal einen Blick zurück auf mein Leben seit der Schule. 24 Jahre in der Retrospektive. Und immer wieder kam mir diese Situation in den Sinn. Und die ganzen Emotionen dazu - als wäre es gestern gewesen. Ich höre ihre Worte aus weiter Ferne. Je näher sie kommen desto lauter werden sie. Ihr wunschvoller Appell ist als Schrei in meinem Gedächtnis verankert geblieben. Gefühlte Milliarden von Liter Bier und ungesundem Lebensstil später, besteht die Syntax zu diesem Erlebnis immer noch. Faszinierend, wenn es nicht so traurig wäre. 

Nach der dritten Begegnung mit einem Feuersalamander am nassen Waldboden bemerkte ich, dass ich ihrem Wunsch sogar noch eine Weile nach dem Schulfinale nachkam. Ich zog zu meiner damaligen Freundin nach Wien, begann Theater, Politik und Publizistik zu studieren und schrieb ein Theaterstück mit dem Titel: „Schattengespräch - Der Mann, der von der Treppe fiel“. Es handelte von einem zirka Fünzigjährigen, der in seiner dunklen Kammer über sein Leben sinnierte - ein düsterer Monolog in Versen. Ich weiß sogar noch die ersten Worte: „Es begann an einem kahlen Tag, der Himmel voller Trübheitsschlag. Das Ich wund in der Wonne liegend, still und ruhig, wohl angeschmiegt…“ Ich hatte schon zweihundert Seiten, soweit ich mich erinnern kann - dass Stück ist auf meinem ersten Apple Computer aber mittlerweile leider wohl auch verstorben. Auch traurig, sehr. Der Typ jedenfalls wurde auf der Bühne von seinem Schatten, dargestellt von einem zweiten Schauspieler, der sämtliche Bewegungen des Protagonisten synchron mitmachte und schließlich mit ihm in den Dialog trat, begleitet. Ein zwielichtiges Zwiegespräch zwischen Mensch und dunkler Seele. Am Schluss, als der Weißhaarige wieder zu Trost, Hoffnung und auch Freude zurück fand, stieß der Schatten seinen Mann von einer Treppe, die ganz kahl und rudimentär schon das ganze Stück lang noch unbedeutsam auf der Bühne stand. 


Ich hatte das Stück fertig im Kopf, doch dann kam plötzlich vieles ganz anders - wie so oft in dieser tausendfachen Aneinanderreihung von täglichen Geschichten namens Leben. Ich bekam ein Jobangebot, als zwanzigjähriger Kreativkopf und Multimedia Autodidakt bei einer Tochterfirma der damals größten Webagentur Österreichs. Der Reiz nach Selbstverdientem und das Verlangen nach Unabhängigkeit vom Geldbörserl meines geschäftstüchtigen, karrierebesessenen, Bayrische Autos verkaufenden Vaters ließ mich exmatrikulieren und blauäugig fortan ins Leben stürzen. Geld macht erwachsen, dachte ich wohl. Die sogenannte New Economy boomte und ich schwamm zweieinhalb Jahre lang gutverdienend mit dieser mächtigen Wirtschaftswelle mit. Ich schrieb keine Theaterstücke oder Bücher mehr, auch selten nur mehr Songs - stattdessen schrieb ich vor Innovation triefende, abgehobene Konzepte zum Thema Online Communities und präsentierte die bei großen Musiksendern oder Automobilherstellern. Ich tauschte meine zerrissenen Jeans für Sakkos und hippe Sneakers. Ich war ein Bobo der ersten Stunde. Ein Hipster in der Großstadt mit erstem eigenen BMW - beim Vater stolzbrüstig bestellt mit eigenem Geld. Ich verließ meine bereits langjährige, treue, großartige Freundin für eine blonde, heißblütige Usability Spezialistin und verlor den Bodenkontakt. Viel Alkohol, viel Arbeit und Drogen gepaart mit einem guten Gehalt - dies war mein Untergangscocktail. Denn plötzlich platzte diese dünnhäutige Wir-erfinden-die-Welt-neu-Blase, die ganze Branche ging in den Konkurs und ich fand mich alleine in meiner Wohnung und am Arbeitsamt für junge Arbeitslose wieder. „Unvermittelbar!" hieß es, weil Bildungsstatus Maturant, Studienabbrecher und den Job, den ich hatte, gab es im Arbeitsregister noch gar nicht. Vom Web Konzeptionisten und Online Community Manager zum ausgebrannten, kaputten Jungarbeitslosen. Traumhaft. Alptraumhaft.

Doch wie immer ging es irgendwie weiter. Zurück an die Universität wollte ich nicht. Chance verpasst - die Zeit war abgelaufen und zurück in den väterlichen Geldbeutel wollte ich auch nicht. Auf die Idee, das Theaterstück zu vollenden oder gar weitere zu schreiben, kam ich nicht - zu tief war der Selbstzweifel, zu groß die Wunden vom freien Fall und Bauchfleck. Aus dem eleganten Köpfler ins eigene Pool wurde vorerst mal nichts. Ich begann wieder Songs zu schreiben, lernte neue Leute kennen und begann meine selbsterlernten Multimedia Skills als Freelancer für Labels und unterschiedliche Firmen und Leute anzubieten. Nicht mehr ganz so hip, mühsam in kleinen Schritten. So lernte ich nach einigen Monaten der Selbstfindung und des Singledaseins (inklusive mehrerer fürchterlicher One Night Stands…) auch meine heutige Frau und Mutter meiner drei Söhne kennen. Ich entwarf für ihren Galerie artigen Haarsalon ein neues Corporate Design, schneiderte ihr ein Webkonzept und war vom ersten Moment an von ihr begeistert - kurz gesagt: selbständig, unabhängig, wunderschön und autoritär mit großem Herz. Dies zog mich magisch an. Aber dies ist eine andere Geschichte…

Heute beschloss ich im Wald, dass ich wieder schreiben möchte: Texte, philosophische Abhandlungen zu Gedanken, Beobachtungen und Gefühlen. Kurze Geschichten. Kurze Geschichten, die an einem Tag erzählt werden können. Keine elendslangen Romane - die fand ich immer schon mühsam - ich las früher Bücher immer bis zur Hälfte und malte mir dann mein eigenes Bild. Dies hat sich auch nie geändert. Jetzt möchte ich wieder selber Bilder malen - eigene Geschichten erzählen. Die Zeit nützen, denn sie ist rar. 


Nach dem Ableben meiner Mutter begann ich in meiner Muttersprache Songs zu schreiben und bemerkte dabei schon, wie nahe mir das Dichten und Schreiben in der eigenen Sprache immer noch ist. Ihr letzter Wunsch war es, einmal auch Songs zu schreiben, die sie auch gleich verstehen könnte. Leider hat sie meine deutschsprachigen Songs nicht mehr erleben dürfen. Auch zu traurig. Aber immer wenn es regnet singe ihr zuliebe meinen Song „Es regnet“. Eine große Leidenschaft beginnt wieder zu blühen. Und ich möchte Frau Professor Pichler an ihrem Grab besuchen. Ich möchte ihr danken, 24 Jahre zu spät. Ich möchte ihr für ihren mutigen Appell im stickigen Prüfungszimmer laut und deutlich danke sagen. Und ich möchte mich aufrichtig bei ihr für meinen Hochmut, meine fehlende Empathie und meine Ignoranz entschuldigen. Ich tue dies heute, hier und jetzt schon in schriftlicher Form, denn es war ihr letzter Wunsch an mich zu schreiben und dem gilt es nun endgültig zu folgen.